• 26. Februar 2017

Berlinale 2017

On the Beach

ON THE BEACH

In Stanley Kramers On the Beach (Retrospektive – USA 1959) hat ein Atomkrieg die Erde unbewohnbar gemacht. Nur in Australien leben noch Menschen. Vier Monate, vielleicht fünf schätzen die Wissenschaftler, dann wird die Radioaktivität auch dort zu hoch sein und die letzten Menschen werden sterben. Das Ende der Welt, so erzählt uns On the Beach, ist ein schleichender Untergang. Vom anarchistischen Furor der Mad Max Filme keine Spur. Keine Gewaltausbrüche, kein Chaos, nur gefasstes Warten. Ich frage mich: Ist dies vielleicht die optimistischste aller Dystopien? Doch dann steht plötzlich eine Figur vor der Frage, wie man etwa seine Frau überzeugt, dem neugeborenen Kind eine tödliche Pille zu geben, damit es nicht an der Strahlenkrankheit elend zugrunde geht. Nicht das System Gesellschaft wird auf ihre mögliche Zukünftigkeit hin extrapoliert, sondern das Einzelschicksal der Menschen. Dabei löst sich On the Beach immer mehr von seinem anfänglichen erzählerischen Realismus und wandelt sich in ein düster-romantisches Melodrama, in dem es alle Figuren in den Tod zieht. Umwerfend ist etwa die Liebesgeschichte zwischen Gregory Peck und Ava Gardner. Er hat den Krieg überlebt und in Australien Zuflucht gefunden. In Gedanken ist er jedoch bei seiner verstorbenen Familie. So kann man On the Beach auch als eine Geistergeschichte lesen. Der Held gibt sich lieber den Geistern der Vergangenheit hin, als an der Seite der Frau, die ihn liebt, zu sterben. Wenn er am Ende mit seinem U-Boot in Richtung amerikanischer Heimat aufbricht und Ava Gardner alleine am Strand zurück lässt, dann gibt es wirklich keine Hoffnung mehr. Die Bilder wurden der Menschheit entleert, die Zeit eingefroren.

 

El mar lar mar

EL MAR LA MAR

Menschen tauchen nur schemenhaft in Joshua Bonnetta und J.P. Sniadeckis El mar la mar (Forum – USA 2017) auf. Mehrere Monate lang haben sich die beiden Filmemacher in der Sonora Wüste an der amerikanisch-mexikanischen Grenze aufgehalten und mit einer 16mm Kamera ihre Eindrücke gefilmt. Ihre Bilder oszillieren zwischen atemberaubenden Totalen, die die Schönheit der Wüste perfekt einfangen, und suggestiven Detailaufnahmen. Eine Landschaftsdokumentation – in der sich jedoch entsetzliche Schicksale abspielen. 1994 beschloss die amerikanische Regierung die urbanen Grenzräume komplett zu schließen und damit die Einwanderer zu zwingen, den Weg durch die gefährliche Wüste zu nehmen. Das zynische Kalkül: Die Natur wird’s schon richten. Der Film liefert Impressionen dieses Raumes. Teils sehen wir Gegenstände – Handys, Kleider – die von den Flüchtlingen zurückgelassen worden sind, teils hören wir aus dem Off Gespräche, die die beiden Filmemacher mit Menschen geführt haben, die sie in der Wüste angetroffen haben.

Am besten lässt sich El mar la mar als modernes Science-Fiction-Kino fassen. Nicht weil der Film explizit von einer Zukunft spricht (doch auch wenn er das implizit natürlich tut). Nein. Ich verliess den Film vielmehr mit einem Gefühl der Zeitlosigkeit. Es gibt keine (zumindest erinnere ich mich an keine) expliziten zeitlichen Markierungen, die diesen zwischen Naturwunder und Apokalypse pendelnden Raum ankern. Auch andere Filme, wie etwa der ebenso herausragende Untitled (Panorama – AT/D 2017) von Michael Glawogger und Monika Willi (oder der leider nur auf konzeptioneller Ebene überzeugende somoniloquies von Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor), hinterließen dieses Gefühl. Filme, die in einer ewigen Gegenwart (oder Vergangenheit oder Zukunft) spielen, in denen Menschen durch Wüsten irren, sich durch Schutt wühlen, an Grenzen stoßen und uns nur noch als geisterhafte Figuren begegnen. Die erschreckendsten Dystopien der Berlinale fanden sich nicht in der Science-Fiction-Retrospektive, sondern hier, bei diesen Filmen.

(Hannes Brühwiler)