• 5. März 2018

BERLINALE, SCHWARZWEISS

When I’m Dead

When I’m Dead and Pale

Im WHEN I’M DEAD AND PALE (Regie: Živojin Pavlović, 1967) streift der junge Janko durch ein ländliches Jugoslawien und hält sich mit kleinen Gaunereien über Wasser. Eine seiner Geliebten schleppt ihn vor ein Mikrophon. Sein Debüt überzeugt und Janko nennt sich fortan Jimmy Branka. Als mittelmäßig begabter Schlagersänger tingelt er für eine Weile durchs Land. In den Städten hört man aber Popmusik und Jimmys Auftritt vor einem jungen Publikum endet mit Pfiffen. Die Karriere ist dahin und er kehrt aufs Land zurück. Dann, am Schluss, wird er auf einer Toilette erschossen. WHEN I’M DEAD AND PALE hat die Wucht eines Punksongs. Am meisten haben mich jedoch die schwarzweißen Bilder begeistert. Pavlović versammelt ungestüm die gesamte Welt vor seiner Kamera. Ein Leben außerhalb der Kadrage, im Off, das findet hier nicht statt. Menschen stehen eng beieinander, stapeln sich förmlich, verlassen kurz das Bild, um sogleich wieder reinzudrängen. Wenn Jimmy in diesen Menschenmassen steht, auf Jahrmärkten, Volksfesten und vor Soldaten auftritt, dann schauen und hören die Menschen nicht nur ihm zu, sondern blicken auch immer wieder direkt in die Kamera. Ein doppeltes Ereignis entfaltet sich vor uns: Ein Schauspieler singt Schlager und ein Filmteam inszeniert einen Film. Was ist interessanter? Fast scheint es, als ob die vielen Laiendarsteller sich nicht entscheiden können und so blicken sie immer wieder zwischen Jimmy und der Kamera hin und her.

Ein weiterer Film in schönstem Schwarzweiß: ABWEGE (1928) von G.W. Pabst. Die Geschichte ist schnell erzählt: Eine Frau wird von ihrem Mann vernachlässigt. Er ist immer am arbeiten, sie langweilt sich zu Hause. Frustriert stürzt sie sich ins Berliner Nachtleben und provoziert dadurch ihren Mann nur noch mehr. Es kommt zur Scheidung, doch anstatt zu ihrem Liebhaber zu gehen, bleibt sie, noch im Gericht, neben ihrem (Ex-)Mann sitzen. Eine Versöhnung: “Wann heiraten wir wieder?” “So bald wie möglich.” Ein Happy End? ABWEGE ist ein bescheidener Film, die Geschichte wird demonstrativ nebenbei erzählt. Denn was Pabst wirklich möchte, ist im Rausch zu versinken, das storytelling hinter sich lassen. Und da wird ABWEGE plötzlich zu einem gänzlich unbescheidenen Film. Wir stürzen uns an der Seite der Hauptdarstellerin Brigitte Helm ins Berliner Nachtleben: Zigarettenrauch, Alkohol- und Drogenrausch. In diesem langen Mittelteil darf nichts zur Ruhe kommen, die Körper müssen immer in Bewegung bleiben. Die Bilder bersten auch hier vor Leben und Unordnung.

Mein 20. Jahrhundert

Den Gewinnerfilm vom vergangenen Jahr KÖRPER UND SEELE von Ildiko Enyédi habe ich immer noch nicht gesehen. Dieses Jahr wurde nun ihr Debütfilm MEIN 20. JAHRHUNDERT (1989) in einer neuen Restaurierung gezeigt. Es geht um Aufbrüche, um den Beginn des Kinos, die Elektrifizierung und den Glauben an den Fortschritt. Zwei Zwillingsschwestern, die früh getrennt werden und dessen Wege sich am Ende wieder treffen, dienen als unsere geisterhaften Begleiterinnen. Ein mäandernder Film, ein Streifzug durch das frühe 20. Jahrhundert. Und was besitzt dieser Film doch für ein Gespür, Umbrüche in Bildern festzuhalten! Das Ende zum Beispiel: Thomas Edison sitzt vor einer Gruppe Journalisten und erklärt ihnen seine neueste Erfindung, den Telegrafen. Nun soll eine Nachricht innerhalb von fünf Minuten einmal um die Welt geschickt werden. Während er dies ausführt, schaut ihm eine Brieftaube zu, die am Fenster sitzt. Kurz treffen sich ihre Blicke, beide wissen um die Bedeutung dieser neuen Erfindung. Eine neue Epoche bricht an.

Man merkt schon, am meisten hat mich auf der diesjährigen Berlinale die Filmgeschichte interessiert. Was bleibt sonst noch? In CLASSICAL PERIOD von Ted Fendt vertiefen sich Menschen in Dantes “Göttliche Komödie”. Ich hätte ihren Gesprächen noch sehr lange zuhören können. In Lav Diaz’ SEASON OF THE DEVIL wird viel gesungen. Der Horror, wenn die Soldaten immer wieder eine Art Kinderlied siegen (“La La Lalala…), und dabei über Menschenleben entscheiden, wird noch lange nachhallen. Und wenn eine Hütte im Dschungel angezündet wird und die Flammen senkrecht in die Höhe schießen, dann scheint durch die Wunde im Boden das Höllenfeuer mit aller Gewalt auszubrechen. AN ELEPHANT SITTING STILL war die schönste Entdeckung, die ich gesehen habe. Ein Tag im Leben von vier Menschen im Norden Chinas. Es beginnt sehr trostlos und bleibt auch bis zum Ende so. Steven Soderbergh erzählt wie gehabt sehr effizient und beglückend. Sein UNSANE ist eine Satire, ein Thriller und eine Kritik am amerikanischen Versicherungswesen.

Hannes Brühwiler