Heureka

Vor kurzem erfahre ich durch Zufall von zwei besonderen Kurzfilmen, “Complot” und “Recomplot”, die von Norte e Sul, einer kleinen brasilianischen Produktionsfirma, produziert wurden. Nachdem es mir über Umwege gelingt, die zwei ungewöhnlichen Werke zu sehen, stoße ich auf die Geschichten der beiden befreundeten Regisseure Candido Coelho und Ernesto Peixoto, die mich in Erstaunen versetzen. Unabhängig-abhängig von einander scheinen sie zu sein, entwurzelte Weltreisende, immer auf der Suche nach ihrem Standpunkt in Umgebungen, deren Bewohner ihnen fremd bleiben. Lediglich ihre Filme als gemeinsame Fixpunkte hinterlassend, reisen sie umher: Sao Paulo, Bahia, Mailand, München, Posen, durch Sizilien, die Türkei, den Libanon. Mir kommt es vor als habe nur der Zufall ihre Wege zusammengebracht und wieder getrennt. Zwei Stecknadeln in einem gigantischen Heuhaufen vergleichbarer Schicksale.

Mir kommt der Gedanke, eine Dokumentation dieser unsteten Zusammenarbeit zu beginnen, doch Norte e Sul hat seit langer Zeit keine Nachricht mehr von Coelho erhalten und Peixoto arbeitet irgendwo an der Fertigstellung eines Buches der beiden mit dem Namen “A Cor da Tinta”. Schließlich erfahren wir über Peixoto (ein Brief aus einem Hotel in Köln) von der angeblichen Inhaftierung Coelhos in einem polnischen Gefängnis, Machenschaften in Verbindung mit der russischen Mafia sollen ihm vorgeworfen werden. Die Sache beginnt mich mehr und mehr zu interessieren. Da beide nach eigenen Angaben Kontakte zur deutschen Filmwelt haben, schlägt mir Celeste Sousa Mauricio von Norte e Sul vor, doch über den Revolver eine Kontaktaufnahme zwischen Coelho und Peixoto zu ermöglichen. Möglicherweise führen mich so Hinweise auf verschlungenen Wegen zu ihnen. Wir haben Bruchstücke aus den letzten uns vorliegenden Briefen abgedruckt. Wer die beiden kennt, möge sich unbedingt melden.

Benjamin Heisenberg

Lieber Coelho,

aus der Ferne erfahre ich nur fragmentarisches von Deiner durchmessenen Flugbahn – nur Stücke, nur Fetzen deiner “Kopien”. Da es unmöglich scheint, einen Kontakt mit Dir herzustellen, hoffe ich, daß Du irgendwie durch Norte e Sul meinen Brief erhalten wirst….die Filme und der Film der hier abläuft, verdienen weder Liebe noch Liebhaber. Immer mehr glaube ich an die Schüsse aus den Revolvern unserer Projekte. Es ist an der Zeit sie zu realisieren. Radikal!…Unmöglich ist es nur einen Teil, nur die Szene zu lieben – nur in einigen Bildern zu leben. Das Kino ist mehr als ein Leben, mehr als eine Liebe. Ich glaube in allen Filme – es gibt keine andere Form des Überlebens. Es folgt der Text den ich in leeren, verlassenen Nächten schrieb – für unser Foto-Buch.

SOMOS TODOS MOLAMBOS
FULANOS E SICRANOS
BANDIDOS LATINOS
QUASI “ALSO” AMERIKANER

SOMOS E NAO SOMOS
INDIOS;
AFRIKANOS;
EUROPEUS;
…ENGANOS E DESENGANOS

Vergiß es nicht, wo immer Du auch bist!

Gelesen:

Es existiert ein gravierender Unterschied zwischen Ameisen und Menschen. Er betrifft die Kriegsführung. WIR schicken junge Männer in den Krieg. Die AMEISEN aber schicken alte Frauen… (Hölldobler)

Abracos Peixoto

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