Bert Rebhandl: Selbstbeschreibung

Ich verstehe mich nicht als Filmkritiker. Ich bin Journalist, also Berichterstatter. Ich schreibe über Filme, Bücher, Personen, Kunst, Religion – über Kultur, wenn man so will, über Öffentlichkeit (als Teil von ihr), über Politik. Weil ich das schon lange mache und mich nicht in der Öffentlichkeit vor mir selbst verstecken kann, sind die Berichte unweigerlich persönlich, auch wenn ich selten in der Ersten Person Singular schreibe. Die Filme, über die ich berichtet habe, bilden eine Parallelgeschichte zu meiner eigenen. Viele habe ich mir ausgesucht, andere konnte ich nicht umgehen, gelegentlich hatte ich einen autoritären Vorgesetzten, meistens aber beruht die Auswahl auf einer relativ freien Kommunikation. Wenn Niklas Luhmann von der Beobachtung der Beobachtung schreibt, denkt er an eine kompliziertere Konstellation als den Kritiker im Kino. Aber strukturell lässt sich mit diesem Begriff doch arbeiten – das Kino ist für mich ein Beobachtungsraum, ein abgegrenztes Feld innerhalb der „unmarkierten“ Totalität. Dass ein Film diese Markierung so zuspitzt wie sonst kein Medium, mag ich am Kino – es erleichtert auch die Arbeit damit. Ich gehe hinein und komme heraus. Der Film, den ich gesehen habe, ist eine Einheit und ein Ausschnitt. So fängt das Interesse beim Schreiben an. Halb im Ernst habe ich mit Freunden die Cinephilie (oder einfach: das Kino) gelegentlich als die perfekte Ersatzreligion für Menschen wie mich beschrieben, die religiös erzogen wurden und jetzt nicht mehr gläubig sind, aber von Offenbarungen nicht ganz lassen wollen. Während ich noch studiert habe (Theologie, Philosophie, Germanistik, zwischen 1983 und 1993 in Wien), gab es im Stadtkino die Filme von Raymond Depardon oder Robert Kramer zu sehen. Das habe ich damals eher naiv zur Kenntnis genommen, aber noch heute liegt dort für mich eine Art Norm – diese beiden Filmemacher gehen sehr objektiv mit der Kamera um, ihre Subjektivität mischt sich immer wieder ein. Ich muss nicht sofort interpretieren (wozu ich neige), sondern sehe etwas, was ich von niemand anderem so sehen könnte. Das ist, so trivial es klingt, das wesentliche Kriterium, es gilt für Hollywood als System wie für jeden Autorenfilmer. In Wien habe ich auch gelernt, das Kino von den Rändern her zu erschliessen, wobei der Blockbuster und der Avantgardefilm einander dabei schon fast wieder berühren. Eine Vorführung von „Face/Off“ auf der Piazza Grande in Locarno werde ich nie vergessen. In der Mitte, wo es langweilig wird, erklären Filmemacher mit Bildern die Welt. Dazu muss ich mich dann nicht mehr äussern. Ich suche Filme, die einen Überschuss produzieren, in den ich mich einschreiben kann. Was gemeinhin als Kritik gilt, wäre dann der Überschuss in der Berichterstattung.

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