• 27. Januar 2021

Jean-Pierre Bacri

Letzte Woche ist Jean-Pierre Bacri gestorben.

Zusammen mit Agnès Jaoui hat er einige der schönsten europäischen Filme geschrieben: „Smoking – No Smoking“ und „On connaît la chanson“ für Alain Resnais. In „On connaît la chanson“ haben beide schon mitgespielt. Danach haben sie für sich selbst geschrieben, Jaoui für sich als Regisseurin und Bacri für sich als Schauspieler. Herausgekommen ist „Le goût des autres“, ein Film, wie man ihn nicht besser erzählen kann und Szenen, die nicht zu überbieten sind an dialogischer Rafinesse und im Spiel sowieso nicht. Es hat etwas von Lubitsch. Lubitsch hat auch als Schauspieler angefangen.

Die Szene, in der Bacri als Unternehmer mit der prekär lebenden Schauspielerin (Anne Alvaro) im englischen Tee-Salon sitzt, um von ihr Englisch zu lernen, und ihr in seinem schlechten Englisch ein selbst verfasstes Liebesgedicht vorträgt, und sie, weil sie dieses Verliebtsein einfach gar nicht erwidern will, anstattdessen sein englisches Gedicht auf grammatikalische Fehler korrigiert und noch nicht einmal merkt, dass er sich den Bart abgenommen hat, weil sie in einer Unterhaltung zuvor hat fallen lassen, dass sie Schnauzbärte schrecklich findet, diese Szene ist so vielschichtig und witzig und schmerzhaft, dass es einen beim Zusehen fast zerreißt.

Es gibt in dem Film noch eine sehr berührende Szene zwischen Bacri und seiner damaligen Partnerin Jaoui im Bad, die so intim ist, dass man spätestens in diesem Moment im Film sein Herz endgültig an Bacri verliert.

Bacri hat auch in „On connaît la chanson“ in einer Nebenrolle einen der für mich filmisch überraschendsten Momente zusammen mit Jane Birkin. Sie spielt seine Noch-Frau. Die beiden treffen sich am Bahnhof in einer Art Übergangssituation für beide, und innerhalb von drei Minuten geht ein ganzes gemeinsames Leben auf und fließt – ja strömt in den Film und belebt ihn und öffnet ihm ein Tor in ganz andere Lebenswelten. Drehbuch wie gesagt: Bacri und Jaoui.

Marcus Seibert und ich hatten das große Glück, die beiden 2010 in Paris zu treffen und in einem längeren Gespräch zu ihrer filmischen Arbeit zu befragen (Revolver Heft 22). Bacri kam verspätet und war zunächst ziemlich angefressen, was aber – wie sich dann herausstellte – damit zusammenhing, dass Jaoui ihm die Adresse des Cafés, in dem wir uns getroffen haben, nicht gegeben hatte und ohne ihn losgelaufen war und auch nicht mehr auf ihr Handy geschaut hat. Bacri wurde dann im Verlauf des Gesprächs noch mal grumpy, als er gemerkt hat, dass wir, viel mehr als an ihrem gerade erschienenen Film, an ihrem ersten eigenen „Le goût des autres“ und der Zusammenarbeit mit Resnais interessiert waren.

Es hatte Größe, wie die beiden in den sauren Apfel bissen und nach und nach – Bacri später als Jaoui – daran Gefallen fanden und wir ihnen dabei zuhören konnten, wie es zu dem so raffiniert und in seiner erzählerischen Ökonomie scheinbar perfekt gebauten „Le goût des autres“ kam. Der Film war nämlich eine Art Drehbuch-Unfall. Geplant als Ensemble-Film für sich selbst und befreundete, eher wenig bekannte Schauspielerinnen war der Film als Krimi angelegt. Die Drehbucharbeit ging los, wurde aber immer unbefriedigender, und dann gab es einen Punkt, an dem Jaoui und Bacri sich angesehen haben und sich gefragt haben: Warum schreiben wir eigentlich diese Kriminalgeschichte? Eigentlich haben wir überhaupt keine Lust, einen Krimi zu erzählen. Wir wollten doch eigentlich immer Komödien machen und in Komödien spielen. Und dann haben sie kurzerhand das Personal des Krimis genommen und daraus eine Komödie gemacht. So kommt es, dass es in „Le goût des autres“ noch zwei größere Rollen von zwei Leibwächtern gibt, eine Dealerin und sogar noch einen Überfall. Und genau in dieser Unsauberkeit liegt, glaube ich, der Zauber und die Eleganz des Drehbuchs, das im übrigen, nachdem es fertig war, eins zu eins verfilmt worden ist. Ich vermute, dass diese Unsauberkeit noch ein anderes Thema gestärkt oder vielleicht sogar erst zum zentralen Inhalt des Films gemacht hat, nämlich die Anerkennung von und den Umgang mit Klassenunterschieden. Und dass der Film erst dadurch seine Kraft und seinen Titel gefunden hat. Es geht um das andere, die anderen, die für die Komödie so wesentlich und unabdingbar sind. Das haben die beiden in ihren Filmen danach leider nicht mehr so hinbekommen, und man kann unserem Gespräch anmerken, wie schwer es ihnen fiel, sich das einzugestehen, aber auch, dass die Freude und der Stolz doch überwog, dass ihnen dieser Film damals passiert ist. So wie die Zusammenarbeit mit Resnais. Und dass sie wissen, dass das das ist, was lange bleiben wird.

Wir haben auch viel über Éric Rohmer an dem Tag gesprochen, der für beide sehr wichtig war und ist, und abends im Zug aus der „Libération“ erfahren, dass Rohmer am Tag unseres Interviews gestorben ist. Nach zehn Jahren habe ich mir „Le goût des autres“ vorletzte Woche wieder angesehen und festgestellt, dass ich wie bei Lubitsch wieder voller Erstaunen war über die Rafinesse und die wunderbar warme Distanz der Erzählung und dass dieser Film einfach glücklich macht. Zwei Tage später ist Bacri gestorben. Sehr, sehr traurig und ein großer Verlust fürs Kino.

Franz

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