• 17. Februar 2018

WOCHE DER KRITIK, ERSTER TAG

Bildschirmfoto 2018 02 17 Um 12.23.05

Katrin Eissing über SASHISHI DEDA / SCARY MOTHER von Ana Urushadze, Georgien

Am Weltrand, in der Wohnung, zwischen farbigen Pflanzen Tapeten, die wie durchsichtig, nur Folien sind, so wie die kunstvoll durchbrochenen Betonwände vor weit blickenden Balkonen, liegt die grosse Dichterin im Nest ihres grau schimmernden Haaransatzes.
Der Hund liegt im Weg und ich denke, dass jetzt auch toll aus seiner Perspektive weiter erzählt werden könnte, aber es kommt anders. Wir spüren seine Einsamkeit in allen anderen. (die Kinder megeln wer mit ihm rausgehen muss…! Wie unwürdig für einen netten, alten Hund.) 

Die Dichterin ist Mutter und ihre Familie eifersüchtig auf ihr Dichten…Einem Mann würde man das Geniegetue natürlich sofort abnehmen. 

Ich will den Film überhaupt nicht nacherzählen. Die Farben sind zu schön und er ist viel zu ornamenthaft und romantisch.

Der Hund pinkelt in der Bude herum…immerhin nahe des Badezimmers, wo auf die ewig Imaginierende,  schöne Frau wieder eine Wand voller Zeichen wartet. Vor lauter dichten hat die Dichterin seit Tagen nicht geduscht. Diesmal stecken die Märchen und Monstergeschichten in den Badezimmerkacheln. Später in ihren Träumen. (uns bleiben die Tapeten und Muster, Nachdenken über Plattenbauarchitektur mit Parkett und Nusseinbauschränken) Einmal kommt das erdachte Vampir-Flügelwesen sogar in die wirkliche Welt. Wir sehen die erschreckend schöne Rückenansicht in Zeitlupe aufblinken. Das ist der Blick eines Kindes so fein und genau sind seine langen Federn.
Die Dichterin und Mutter von drei Kindern geht immer wieder über eine grosse Brücke, die sie mit dem kleinen und leeren Schreibwarenladen ihres Freundes verbindet. Sie zieht dann dort ein, in ein rotes Zimmer und schreibt gegen den Willen ihrer Familie weiter. Sie benimmt sich mitsamt Bücherverbrennung nach sämtlichen Genievorschriften und beendet ihr Buch trotzdem. Die sehr junge Regisseurin wechselt die Ebenen, Aufmerksamkeiten und Symphatien mit ihren Bewohnern…derweil einfach und sehr genau. Später beim Gespräch sagt sie: sie hätte eben Alles so gemacht wie es ihr in den Sinn kam. 
(Wie die Mutter, wahrscheinlich ist es ihre…)
Natürlich könnte Sie, die Hauptperson, einfach nur eine verrückte Frau sein und wahrscheinlich ist sie auch das, nämlich: In der revolutionären Position sich befindend, die heutzutage weiblich sein muss und handelnd. Danke für die schönen Farben und die Erinnerung daran, dass künstlerische Praxis uns mit dem Sein in der Kindheit verbindet (Tapeten mit Monstern darin). Könnte man erklären was das soll, bräuchte nie wieder jemand ins Kino gehen…oder eine Oper schreiben..etc..
Die scary Dichtermutter hat im Schlussbild unter den Beschimpfungen ihres Vaters das Ende des Romans gefunden, wie in sich selbst. Das …was auch immer… Gruselvampir …Trauma?… muss nicht wiederholt werden. Es wird in ihrem Buch kleben bleiben. Eine Erleichterung! Die schöne, mittelalte Frau mit dem Vogel im Haar schiebt sich ein Stück Kuchen in den Mund. Schnitt.
Geräusche wie im Kernspintomographen.
Ja, schön gesponnen, gut geworden… Kunst macht uns zu Kindern. Im Wissen, dass man sich schützen kann durch die Annahmen und Interessen der Anderen.

Heutzutage heisst „Romantik“ nur noch süsse Sosse und war doch einmal selbst in der revolutionären Position. Zeiten ändern dich.