In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Während die Digitalisierung praktisch in allen Bereiche des Films Einzug gehalten hat, stellte die Projektion im Kino den letzten Ort dar, an dem die Arbeit mit analogem Filmmaterial noch die Regel war. Doch auch dies ändert sich gerade rapide. Dieser Wandel birgt verschiedene Probleme mit sich (dazu hier die New York Times und hier David Bordwells umfassende Blog-Einträge). Besonders prekär stellt sich dabei die Situation für den Umgang mit einer (nicht digitalisierten) Filmgeschichte dar.
Am kommenden Samstag wird im Rahmen von HANDS ON FASSBINDER darüber mit Alejandro Bachmann vom Österreichischen Filmmuseum gesprochen. Das Filmmuseum vertritt eine Position, in der der Materialcharakter des Films eine zentrale Rolle spielt. Im ihrem Misson Statement heisst es dazu: „Das Österreichische Filmmuseum vertritt das Prinzip, dass der Film selbst – als Artefakt und als Ereignis, im Archiv wie in der Vermittlungs- und Ausstellungstätigkeit – Priorität vor den Derivaten und Faksimiles des Films hat. Die Bewahrung von Film impliziert daher immer auch die Bewahrung seiner spezifischen technischen und räumlichen Ausstellungsform, d.h. die Bewahrung der Sichtbarkeit und Verständlichkeit von Film im Modus der analogen kinematografischen Aufführung.“
Veranstaltungsbeginn wird 16:00 Uhr sein. Das komplette Programm sowie weitere Informationen gibt es unter www.handsonfassbinder.de
(eingestellt von Hannes)
