IN ANDENKEN AN MICHAEL WIESWEG
(geb. 1960 – gest. 2026), RIP
von Thomas Arslan, Berlin Mai 2026
Michael Wiesweg habe ich nach einem Screening meines ersten Films „Mach die Musik leiser“, auf der Berlinale 1994 in der Sektion Panorama, kennengelernt. Er hat mich nach der Vorstellung des Films einfach angesprochen und mir gesagt, wie sehr ihm der Film gefallen hat. Das war eine der wenigen direkten uneingeschränkt positiven Reaktionen auf den Film. Viele Zuschauer hatten den Film über Jugendliche Metal-Kids in Essen eher distanziert aufgenommen. Obwohl der Film als einer der wenigen deutschen Filme auf einem bedeutenden Festival und in einer renommierten Sektion lief, hatte die deutsche Presse so gut wie nichts über den Film geschrieben. Michaels Worte haben mich damals, auch angesichts der sonstigen lähmenden Indifferenz, sehr berührt. Wir haben uns kurz darauf etwas näher kennengelernt. Er ist, wie ich, im Ruhrgebiet in Essen aufgewachsen und war leichter Stotterer, wie ich auch. Auch unsere Film-Vorlieben haben sich weitestgehend gedeckt. Nach dem ich hinsichtlich der Zusammenarbeit mit der Kamera-Person bei „Mach die Musik leiser“ nicht die besten Erfahrungen gemacht hatte, war die Begegnung mit Michael für mich eine Verheißung, ein Weg ins Offene.
Wir haben dann in kurzer Abfolge drei Filme zusammen gemacht. Die sogenannte Berlin-Trilogie: „Geschwister“, „Dealer“, „Der schöne Tag“. Eine wunderbare Erfahrung für mich. Es war ein konzentriertes, zugewandtes Arbeiten an dem, was wir uns gemeinsam als Ziel gesetzt haben. Michael war gleichzeitig immer offen für Veränderungen, die sich durch konkrete Notwendigkeiten und Probleme bei den Dreharbeiten ergeben haben. Hierbei war er immer kompromisslos solidarisch mit mir.
Der vierte und letzte Film, bei dem wir zusammengearbeitet haben, war „Ferien“. Der Film ist zwei Jahre nacheinander aus Finanzierungs-Gründen verschoben worden. Auch im dritten Anlauf, bei dem ich das Projekt dann schließlich selbst als Produzent in die Hand genommen habe, hatten wir nur ein minimales Budget zusammenbekommen. Für Michael, der während dieser Zeit als Kameramann bereits sehr gefragt war und viele Optionen hatte, war es dennoch selbstverständlich, dass wir den Film zusammen machen. Michael hat sich sofort auf die schwierigen Produktions-Bedingungen eingelassen und mit den einfachsten Mitteln schöne, kreative Lösungen gefunden.
Michael hatte bei aller Konzentriertheit bei der Arbeit auch einen sehr speziellen Humor, mit dem ich viel anfangen konnte und der uns als Ruhrgebiets-Sozialisierte zusätzlich verbunden hat. Mich hat auch immer seine Sensibilität in Hinblick auf die Auswahl seines Kamera- und Beleuchtung-Teams und sein Umgang mit Ihnen beeindruckt.
Es gab nach „Ferien“ keinerlei persönliche oder ästhetische Gründe, dass wir danach nicht mehr zusammengearbeitet haben. Da meine Dreh-Frequenz nicht sehr hoch ist, war Michael natürlich in der Zwischenzeit mit anderen Filmen beschäftigt. Insbesondere seine Zusammenarbeit mit Dominik Graf („Das Gelübde“, „Im Angesicht des Verbrechens“, „Die geliebten Schwestern“ u.a.) wurde ein neuer Arbeits-Fokus für ihn. Bei „Gold“ wären wir fast noch einmal zusammengekommen. Termin-Probleme haben das letztlich verhindert.
Wir haben uns danach, zumindest was die Zusammenarbeit anbelangt, etwas aus den Augen verloren. Privat jedoch nie ganz. Wir waren in größeren Abständen immer wieder in Kontakt. Zuletzt, vor wenigen Monaten, haben wir uns in einem Café in Neukölln getroffen. Von unseren Plätzen aus hatten wir einen guten Blick auf die Karl-Marx-Straße und die Baustelle gegenüber, wo zuvor eine Tankstelle gestanden hatte. Michael hatte damals schon seit längerem eine Krebs-Erkrankung und hatte bereits mehrere Chemo-Therapien hinter sich. Als wir uns getroffen haben, war seine Grundhaltung gelöst, melancholisch und trotz seiner Lage auch positiv. Es ging ihm in diesen Tagen wieder etwas besser. Das Ende in Sichtweite, hatte er die Hoffnung, dass ihm zumindest noch etwas Zeit bleibt. Ein paar Monate. Diese Zeit hat die Krankheit ihm nicht gewährt. Wenige Wochen darauf ist Michael Wiesweg gestorben.
Thomas Arslan, Berlin, Mai 2026