In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Geremia Carrara hat uns freundlicherweise Auszüge seines Interviews mit Roberto Perpignani über seinen Schnitt von „Prima della rivoluzione“ (Bertolucci) zur Verfügung gestellt.
Roberto Perpignani:
Diese Sequenz war von vornherein dafür vorgesehen, wie man so schön sagt, „auf besondere Weise“ geschnitten zu werden. Es gab aber Faktoren, die Auswahl und Schnittmöglichkeiten einschränkten. Einmal hatten wir eine 25mm-Weitwinkeleinstellung, dann von der zweiten Kamera die gleichen Bilder mit 150mm-Teleobjektiv gedreht. Die beiden Objektive passen nicht gut zusammen, das heißt, wenn du die Bilder nebeneinander siehst, bleibt ein starker Kontrast, sie sind nicht dafür prädestiniert, aneinandergeschnitten zu werden. Dieser stilistische Bruch entsprach metaphorisch den Stürzen vom Fahrrad. Vordergründig gibt es die Harmonie der Figur, die sich wie ein Seiltänzer bewegte, aber diese Harmonie wird gebrochen durch die Stürze. Die formalen Brüche haben uns schließlich bei der Suche nach dem richtigen Ausdruck der Szene geholfen, weil wir die Aufnahmen mit langer Brennweite nicht als objektive und logische Bilder geschnitten haben, die die Handlungsreihenfolge von einem naturalistischen Blickpunkt zeigen. Wir haben in dem Material, das mit Teleobjektiv aufgenommen worden war, nach Möglichkeiten gesucht, Widersprüche herzustellen, damit eine expressive Dynamik entsteht, die im Grunde die Emotionalität betont.
Auszug aus dem Interview Revolver Heft 28, S.110
(eingestellt von Marcus)