In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
„Morgens um vier bricht Rainer Werner Fassbinder mit seiner Entourage in die Diskothek Dschungel, das Gestrüpp von Herumstehenden vor der Theke weicht sofort zurück, und die ganze Truppe marschiert wie ein Keil nach hinten zur Tanzfläche durch. Dort kleben sich seine Leute an die Wände und trinken stoisch, während Fassbinder in die Mitte strebt und sich zu winden beginnt. Er trägt eine schwarze Jeans, schwarzes Hemd, darüber eine schwarze Weste. Auf dem Kopf hat er einen breiten schwarzen Hut. Sein Gesicht wird von einem fellartigen schwarzen Vollbart verdeckt, dazu Sonnenbrille. Vielleicht kommt er gerade von einem Dreh, es muss kurz vor seinem Tod im Sommer 1982 sein. Spektakulär ist sein Schlüsselbund, ein gewaltiges, schweres Teil. Es hängt mit daumendicker Kette an seinem Hosenbund und reicht bis fast auf die Erde. Der Unerkennbare – die Bühne gehört nach wenigen Minuten ihm allein – beginnt einen expressionistischen Veitstanz, es reißt ihn herum, zieht ihn hinunter, wieder hoch, es schleudert und dreht ihn. Er wird das Opfer seltsamster Verformungen. Seine Fäuste ballen sich, und der Schlüsselbund schwingt als eine Art Gegengewicht, verhindert, dass es ihn vollends umreißt. Nur sein Gesicht, soweit ich es erkennen kann, bleibt starr. Es scheint unermesslicher Schmerz zu sein, den er in dieser Übung stumm herausschreit. Sichtbarer motorischer Kontrollverlust, vermutlich durch Alkohol und Koks, verleiht diesem Ausdruckstanz weitere Eindringlichkeit. Er ist sehr einsam, keiner kann und will ihm helfen. Er ist ein alter Sack.”
Aus: Schmidt, Thomas E.: Als ich mal dazugehörte.
Erschienen in der aktuellen (Sonder-) Ausgabe des Magazins Merkur. Den Text kann man online hier nachlesen.
(Eingestellt von Christoph)