In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Die Film/Medien/Kulturzeitschrift CARGO wird fünf. Gerade ist Heft 20 erschienen, ausgenüchtert gewissermassen – der Relaunch jedenfalls geht sparsamer mit Bildern und Zeichen um. Aus dem Inhalt:
Serien 2013 // Peter Liechti im Gespräch // Duisburg 2013 // Video on demand // Sozialgeschichte des iranischen Kinos // Murnau: Die privaten Fotografien
Das tollste an Cargo finde ich eigentlich das Orchestrieren so vieler verschiedener Stimmen, die Fülle der Autoren aus den unterschiedlichsten Bereichen und Denkschulen. Auch die Perspektiven der Herausgeber sind nie kongruent, ergänzen sich aber gut: Ekkehard Knörer vermittelt hin zum theoretischen Diskurs, er ist vielleicht der einzige von den dreien, der als Kritiker so etwas wie eine eigene ästhetische Theorie des Kinos entwirft. Bert Rebhandl geht mehr von Erfahrungen aus, interessiert sich für die soziale / ethische Dimension des Kinos und schreibt immer auch als Journalist*. Simon Rothöhler betreibt dagegen so etwas wie ästhetische – und technische – Soziologie, seine Fragestellungen meinen weniger das Kino als „Medienpraxen” jeder Art, ohne Hierarchie. Unter den Rubriken schätze ich sehr das „Moderne Ereignis”, „Die Brüder Goncourt”, manchmal das „Starsystem” (nach dem Relaunch scheinen die letztgenannten vorerst abgeschafft). Kleine Abstriche: Die US-Serie bekommt insgesamt zu viel Raum, finde ich. Auf die Intellektualisierung von Fussball könnte ich gerne verzichten. Manche Beiträge von Gästen ertrinken im akademischen Jargon. Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte, bei aller Sympathie für die neuere US-Kritik, die einen festen Platz bei Cargo hat: mehr Neugier auf die (kritische) Perspektive der europäischen Nachbarn wäre angebracht. So oder so, Cargo ist auch im fünften Jahr eine erstaunliche Zeitschrift, die den Raum des Kinos anregend erweitert. Und schon weil Filmzeitschriften immer eine bedrohte Spezies sind, wünsche ich ein langes Leben …
Christoph
P.S.: Bei NEGATIV gibt es einen kleinen Chor von Gratulanten, in dem diese meine Stimme auch auftaucht.
* Siehe auch Bert Rebhandls „Selbstbeschreibung” in Heft 14 (PDF).
