In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Das neue Cargo-Heft ist erschienen. Aus dem Inhalt:
Paul Schrader im Gespräch + Schrader über Budd Boettichers Western // Festivalreisen: Die besten Flughäfen der Welt + Essay von Jia Zhangke: «Die Patriotin» + Was von der Berlinale bleibt // Texte zu Debra Granik, David O. Russell, Klaus Wildenhahn+ UK Serien: DOWNTON ABBEY und LUTHER uvm. +++ Editorial
Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis findet sich hier, Verkaufsstellen dort, und natürlich kann man Cargo auch abonnieren.
P.S.:
Schraders Text von 1971, den Bert Rebhandl elegant übersetzt hat, arbeitet sehr plastisch an der Idee eines archetypisches Kinos, das von einer auteuristischen Lesart im Kern missverstanden werden muss. Ein Leseerlebnis. Toll, dass die Brüder Goncourt eine Kolumne bekommen haben, ihr „Laufgeld” ist sehr schön. Empfehlen kann ich auch Jia Zhangkes Text über „patriotische Verräter”. Und schliesslich ist Lukas Foersters Text ein must: er schreibt am Beispiel Rotterdam darüber, wie Festivalkomplex und „Kino” zur Deckung kommen, und welchem Preis das hat. – Christoph
(Eingestellt von Christoph)
