In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
„Unsere Idee war es, mit Video Portraits der Menschen in den Cités zu drehen, den großen Neubausiedlungen mit sozialen Wohnungsbau, wo mehrere tausend Menschen lebten – und in den Bars dort. Unsere Arbeit war etwas naiv und sehr einfach. Wir haben zu zweit bei den Leuten an der Tür geklingelt; es waren die 70er Jahre; und haben gesagt, wir drehen ein Portrait all der Menschen, die hier in der Cité leben. Und Samstag oder Sonntag werden wir sie zeigen im Gemeindesaal einer Kirche, im „Haus der Volkes” oder an anderen Orten, die wir dafür fanden – denn das Videomaterial erlaubte ja, direkt das zu zeigen, was man gemacht hatte. Wir waren gänzlich unbekannt. Trotzdem haben die meisten Leute mitgemacht. Wir haben mit jedem von ihnen ungefähr eine halbe Stunde ein Interview geführt. Sie sollten uns von einem Moment ihres Leben erzählen, in dem sie sich gegen eine Ungerechtigkeit wehrten. Egal welcher Art. Was ihnen ungerecht erschien. Auf der Arbeit, in der Familie, in der Schule, auf der Straße. Wir haben uns gedacht – und das war zwar im Ansatz wahr, aber doch etwas übertrieben – dass die Menschen in den Cités vereinsamt leben. Unser Gedanke war, dass sie sich begegnen könnten über diese Videos, in denen sie von ihrem Umgang mit einer Ungerechtigkeit erzählen. Samstags und Sonntags haben wir also diese Filme gezeigt, und das ging zwei Jahre lang so.”
Luc Dardenne im Gespräch mit Jens Börner und Nicolas Wackerbarth, zu finden im aktuellen Revolver, Heft 23.
(gespostet von Saskia und Christoph)