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NIE GANZ TOT

Alexander Kluge und Rainer Werner Fassbinder gaben sich in den späten Siebzigern ein Versprechen: „Wir lagen im Garten eines der Hotels am Lido in der Nachmittagssonne. Bis zur 19-Uhr-Vorstellung im Festivalpalast war nichts zu tun. Fassbinder fläzte sich im Gras. Syberberg erklärte seinen neuesten Film Zeit zum Verlieren. Uns war langweilig. In dieser sonnensatten, ausgedehnten Stunde schworen R. W. Fassbinder und ich einander, dass derjenige, der den anderen überlebt, dessen Arbeit fortsetzt. Notfalls solle er Geschichten über ihn dichten oder Filme fälschen. Insofern wäre der Gestorbene nicht ganz tot. Wir gaben uns, mit `braunbrennendem Körper` (wird aber verbrannte Haut sein), feierlich und gegenseitig die urheberrechtliche Erlaubnis, aus dem Werk des anderen zu kopieren. Syberberg war Zeuge.“ (1)

In seinen filmischen Werken zeigte Kluge häufig Produktionsstätten, nicht selten Fabriken. Bei Fassbinder spielte sich dagegen fast alles im privaten Bereich ab, wobei die sozioökonomischen Bedingungen stets präsent sind. „Würden wir beide zusammen einen Film machen … könnte man sich als Spielort auf eine Betriebstoilette einigen“, sagte Alexander Kluge mir gegenüber bei einem einstündigen Telefonat im Mai letzten Jahres. Kluge wollte damals noch unbedingt einen Film über Scheidung drehen. Die Grundidee dazu stammte von Fassbinder, der ebenfalls als Kind die Trennung seiner Eltern erlebt hatte. Dazu kam es nicht mehr. Gut, er hatte genug andere Projekte am Köcheln.

Kluge sprach in dem Telefonat viel über das gemeinsame Band mit Fassbinder, welches dieser auch in seinem Geburtstagsgruß von 1982 bestätigte: „Das Gerücht, Alexander Kluge sei dieser Tage 50 Jahre alt geworden, hält sich ebenso hartnäckig wie jene andere, absolut alberne Behauptung, eben derselbe Kluge habe Ende dieses Jahres geheiratet! Richtig offiziell, heißt es, habe er sich Privates von einer staatlichen Institution staatlich institutionalisieren lassen. Eine absurde Idee – belegen doch etliche Stunden aufregenden Kinos des Filmemachers Kluge sowie eine ganze Menge erhellender und erregender Prosa des Dichters Alexander Kluge, dass eins seiner Ziele ist, jedwede Institution infrage zu stellen, die staatlichen allemal, wenn ich halbwegs recht interpretiere, und wenn zudem sein Werk nicht gar geeignet ist, zu beweisen, dass es Alexander Kluge im Grunde sogar um die Zerstörung einer jeden Institution geht! Zudem – ein Anarchist wird nicht 50 und somit feierbar! Einteilungen solcher Art gelten für ihn nicht. Ich meine, gerade diese einer Art Vereinnahmung dienenden Gerüchte über einen von uns machen doch so manches transparent, sind nicht zuletzt dazu geeignet, an die Notwendigkeit weiteren Kampfes für unsere Sache und die ewig währende Gefahr der Ermüdung im Anblick der grauen, stromlinienförmigen Realität zu erinnern.“ (2)

Die heutigen Wirklichkeiten erscheinen mir nicht grau, sondern bunt. In grellen Farben hämmern sie täglich auf einen ein. Die drohende Überforderung muss herausgefordert werden. Wer meint, sich krampfhaft am Eindeutigen festhalten zu müssen, wird zwangsläufig reaktionär und beginnt, andere zu beschimpfen. Alexander Kluge hatte Widersprüche nicht nur ausgehalten, sondern stetig neue aufgespürt und sichtbar gemacht. Paradoxien sind Quelle seiner spielerischen Neugier und fröhlich-forschenden Dauerkulturproduktion gewesen. Kein Wunder, dass sein Lieblingstier der Maulwurf war, der zwar stockblind ist, sich aber immer wieder zu neuen Hügeln emporzuklimmen vermag.

In dem (anlässlich der Fassbindertage entstandenen) Kurzfilm Welche Wort gibt es für das Gegenteil von „Arbeit“? blendet Alexander Kluge Verben ein, die R.W. Fassbinder einen Schauspieler als Voice-over über Filmaufnahmen einer stillgelegten Fabrik im Rhein-Main-Gebiet sprechen ließ. Worte, die nicht unter den Begriff der Arbeit fallen:

spielen, gähnen, beten,
schlafen, grübeln,
hassen, würgen, rauben,
sich strecken, springen, sich zum Sterben legen,
aufwachen, rauchen, sich ankleiden, jemanden auskleiden,
weinen, jagen, sammeln, spähen,
türmen, kleben (zum Beispiel Tüten), horchen,
essen, trinken, stechen,
murren, suchen, finden,
frieren, trocknen, Witze erzählen

Beim Lesen der Verben auf der Kinoleinwand eröffnen sich Vorstellungsräume. Für Alexander Kluge standen solche Inseln im Kontrast zu den „offenen Meeren“ des neoliberalen Marktes, der alles durchdringt und alles auf Effizienz und Profit reduziert. Meine Frage an Kluge: Wie entkommen Menschen dem? Antwort: Immer dann, wenn sie etwas ohne Bezahlung, aus freien Stücken, aus Interesse machen! Diese Inseln sind also weniger individuelle Momente der Besinnung als vielmehr freiwillige Taten, soziale Gemeinschaftsprojekte oder Kulturprodukte. So wie auch unsere Filmzeitschrift Revolver – seit 25 Jahren, sagte ich nicht ohne Stolz. Kluge wollte sogleich etwas mit uns machen. Ich lud ihn erstmal in die Filmhochschule für ein Seminar ein. Er winkte kategorisch ab. Er wolle Filme mit der Revolver-Redaktion machen. Fassbinders unrealisierte Projekte!

„Der Mensch ist kein Arbeitsobjekt, sondern ein Subjekt“, so Kluge. Und in diesem Kampf um empathische Komplexität – gegen den Block des Fernsehens, der Phrasen, der sozialen Medien – stehen die beiden Filmdauerarbeiter Fassbinder und Kluge, trotz aller offensichtlichen ästhetischen Unterschiede, einander äußerst nahe. Nun ist Alexander Kluge im hohen Alter verstorben. Möge er, so wie Fassbinder, niemals in Frieden ruhen, sondern weiterhin andere zur Tat inspirieren und produktive Unruhe stiften. Vielleicht beginnt jetzt erst das eigentliche Projekt: dass andere ihre Geschichten weitererzählen – und notfalls seine Filme fälschen.

Nicolas Wackerbarth

(1) Spiegel-Artikel „Nicht ganz tot“ von Alexander Kluge, veröffentlicht am 30. Mai 2015 (zum 70. Geburtstag Fassbinders) und später u. a. im Logbuch Suhrkamp
(2) Rainer Werner Fassbinder: „Filme befreien den Kopf“, Michael Töteberg (Hg.)

Dank an Andrea Funk von Fassbindertage e. V.

Filmstill aus Welche Worte gibt es für das Gegenteil von „Arbeit“