In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
MÜLLER: Was ist der Inhalt deines Romans*?
FASSBINDER: Der handelt von einem Menschen, der gelähmt irgendwo sitzt, sich nicht mehr bewegen kann, ein Hypochonder, dem es noch viel schlechter als mir geht, und der sich sagt: Entweder höre ich auf zu atmen oder ich fange an, über mich nachzudenken.
MÜLLER: Ist das ein Künstler?
FASSBINDER: Nein, ein Geschäftsmann aus der Textilbranche, unverheiratet, wohlhabend. Der hat genug Geld, um Spaß zu haben, aber er schafft’s nicht. Er sitzt da und kann seinen Arm nicht mehr heben. Da fängt er an, über die Vergangenheit nachzudenken, über seine Familie, darüber, was ihn so weit gebracht hat. Der Roman beginnt da, wo er sich nicht mehr bewegen kann, und hört auf, wo er wenigstens wieder seinen Arm heben kann. Dazwischen reflektiert er seine Geschichte und die Phantasien, die er dazu entwickelt.
(Aus einem Interview, das der im April dieses Jahres verstorbene André Müller geführt hat. Es ist in Gänze – neben vielen weiteren Gesprächen – auf Müllers Seite zu finden.)
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„Den geplanten Roman, dessen Titel »Die Reise ins Innere der Trauer« schon feststand und der im Münchner Hanser-Verlag erscheinen sollte, hat der Filmemacher nie abgeliefert.”
(Eingestellt von Christoph)