In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Der Abend gestern war erfreulich gut besucht und mindestens aus Podiumsperspektive anregend. Nachfolgend, als Gedächtnisstütze, einige der Filme, von denen die Rede war, in chronologischer Reihenfolge.
I
Ernst Lubitsch
TROUBLE IN PARADISE (1932)
Jean Renoir
LA GRANDE ILLUSION (1937)
Alfred Hitchcock
THE LADY VANISHES (1938)
Thorold Dickinson
GASLIGHT (1940)
Fritz Lang
MANHUNT (1942)
Howard Hawks
THE BIG SKY (1952)
Orson Welles
MR. ARKADIN (1955)
II
Michael Cimino
YEAR OF THE DRAGON (1985)
Jacques Rozier
MAINE-OCÉAN (1986)
Alan Clarke
RITA, SUE AND BOB TOO! (1987)
James L. Brooks
BROADCAST NEWS (1987)
Abdellatif Kechiche
L’ESQUIVE (2003)
Angela Schanelec
MARSEILLE (2004)
Johnny To
TRIAD ELECTION (2006)
Athina Tsangari
ATTENBERG (2010)
(Eingestellt von Christoph)