In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Vom 20. November bis 6. Dezember findet im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) eine Reihe zur Berliner Schule statt, kuratiert von Rajendra Roy und Anke Leweke.
17 Filme von 9 Filmemachern werden gezeigt, darunter GESCHWISTER (Arslan, 1997), DIE INNERE SICHERHEIT (Petzold, 2000), MEIN LANGSAMES LEBEN (Schanelec, 2001), BUNGALOW (Köhler, 2004), FALSCHER BEKENNER (Hochhäusler, 2005), SEHNSUCHT (Grisebach, 2006), MADONNEN (Speth, 2007), ALLE ANDEREN (Ade, 2009), DER RÄUBER (Heisenberg, 2010).
Begleitend zur Werkschau erscheint ein Katalog mit Beiträgen von Thomas Arslan, Valeska Grisebach, Benjamin Heisenberg, Christoph Hochhäusler, Nina Hoss, Dennis Lim, Katja Nicodemus, Christian Petzold und Rainer Rother (Einige der Texte sind ursprünglich für Revolver entstanden).
Parallel findet im Deutschen Haus (NYU) eine zweitägige Konferenz zum Thema statt, an der Thomas Arslan, Benjamin Heisenberg, Christoph Hochhäusler, Ulrich Köhler, Christian Petzold, Angela Schanelec und Reinhold Vorschneider teilnehmen werden. Moderation: Marco Abel, Katja Nicodemus, Fatima Naqvi.
In einem Modern Monday (25.11.2013) mit [den Revolver-Gründern] Benjamin Heisenberg und Christoph Hochhäusler soll es dann um die „Theorie der Praxis” bei Revolver, filmische Einflüsse und persönliche Ausblicke gehen.
In passender Zufälligkeit erscheinen in den USA zeitgleich drei thematisch relevante Bücher: Marco Abels „The Counter-Cinema of the Berlin School„, der von Roger F Cook, Lutz Koepnick, Kristin Kopp und Brad Prager herausgegebene „Berlin School Glossary“ sowie eine Monografie zum Kino von Christian Petzold, von Jaimey Fisher. Und schliesslich widmet sich das akademische Journal „German Studies Review“ in einem Schwerpunkt dem DREILEBEN-Projekt von Petzold/Graf/Hochhäusler.
(Eingestellt von Christoph)

