In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Die Australierin Julia Leigh, zuletzt als Romanautorin („The Hunter”) erfolgreich, präsentiert mit SLEEPING BEAUTY ihren ersten Film. Der bestechend fotografierte, alptraumhafte Trailer erinnert an Jean-Claude Carrière (von BELLE DE JOUR bis BIRTH) und Kubrick (EYES WIDE SHUT) und rückt den Film – so spekulativ eine solche Zuschreibung zu diesem Zeitpunkt sein mag – in Richtung jener verfeinerten Misantropie, die zuletzt so viel von sich reden machte. Ich meine Filmemacher wie Lanthimos (DOGTOOTH), Sorrentino (IL DIVO) oder auch Guadagnino (I AM LOVE), um hier nur die Prominentesten zu nennen, die ihr großes formales Können in den Dienst einer, sagen wir, hermetischen Behauptung stellen, Ambivalenzen aus Gründen einer ästhetischen Wunsch-Genealogie kultivieren, angesichts der letzten Dinge aber ganz unpersönlich bleiben. Trotzdem: Ich bin gespannt.
(Eingestellt von Christoph)