In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Ich habe gestern ein kleines Interview mit Cristina Nord gemacht, die seit einer Woche nicht mehr bei der taz arbeitet. Weil ich das Filmfeuilleton, das sie seit 2002 verantwortet hat, besonders geschätzt habe, ist ihr Weggang eine ziemlich traurige Nachricht für mich. Ich finde, Nord ist das Kunststück gelungen, Haltung zu zeigen und dabei offen zu bleiben. An ihren eigenen Texten, ganz besonders in den Festivalberichten, gefiel mir die Klarheit. Nicht dass es ihr an Leidenschaft gefehlt hätte – für das Kino Apichatpong Weerasethakuls oder Lisandro Alonsos etwa – aber ihr Blick trübte dabei nicht ein, barocker Überschwang war ihr ebenso fremd wie ideologische Starre. Besonders bewundert habe ich ihre uneitle Orchestrierung eigenwilliger Stimmen – in einer stilistischen und thematischen Vielfalt, wie man sie in anderen Tageszeitungen nicht findet. Autoren wie Ekkehard Knörer, Bert Rebhandl, Diedrich Diederichsen, Claudia Lenssen, Andreas Busche, Isabella Reicher, Dominik Kamalzadeh, Thomas Groh, Lukas Foerster, Carolin Weidner und andere kamen bei ihr regelmässig zu Wort. Im Zusammenhang entstand so ein hochsensibler Resonanzraum für Tendenzen des Gegenwartskinos, gut informiert, aber ohne Hang zu cinephiler Esoterik. Danke! Bleibt zu hoffen, dass die taz ihre Nachfolge klug regelt. Cristina Nord wird nach Brüssel ans Goethe-Institut wechseln, um dort Kulturprogramme für Südwesteuropa zu gestalten. Ich wünsche ihr viel Glück dafür. Das Interview transkribiere ich bei Gelegenheit und werde es hier und auf unserer Facebook-Seite öffentlich machen.
Christoph Hochhäusler