In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Hinweis auf Aktivitäten der Mitglieder:
Hannes Brühwiler
Eine schwere wirtschaftliche Krise erschütterte 2007/2008 den US-amerikanischen Independent-Film. Unter diesen Vorzeichen fanden die Vorbereitungen zu Unknown Pleasures #1 statt. Egal wohin man auch schaute, überall war von einem wirtschaftlichen Kollaps die Rede. Tatsächlich führte die Krise zu schweren Erschütterungen des unabhängigen Filmschaffens. Etwas erstaunlich war jedoch, wie wenig in den darauffolgenden Monaten und Jahren über die einzelnen Filme im Bezug auf deren künstlerischen Qualitäten gesprochen wurde. Der unabhängige Film, dessen Definition stets zwischen wirtschaftlicher Unabhängigkeit und künstlerischer Freiheit pendelt, schien primär unter produktions- und distributionstechnischen Aspekten wahrgenommen zu werden. Dabei spürte man deutlich, dass da etwas am entstehen ist, dass da Filmemacher arbeiteten, die trotz anhaltend schwieriger Bedingungen aufregende Filme drehten. Heute, vier Jahre später, hat sich dieser Eindruck bestätigt und nicht nur dies. Endlich hat man das Gefühl, dass tatsächlich wieder mehr über die eigentlichen Filme gesprochen und geschrieben wird. Eine gute Nachricht.
Unter diesem Eindruck beginnt morgen Unknown Pleasures #4. Die 21 Filme sollen nicht nur einen Einblick in ein amerikanisches Kino geben, das selten in Deutschland zu sehen ist, sondern das Programm stellt den Versuch dar aufzuzeigen, wie Unabhängigkeit heute aussehen kann und was sie bedeutet.
Zwei Hinweise noch zum Programm:
Anlässlich des Erscheinens von PUTTY HILL und HAMILTON in der Revolver Edition wird am 5. Januar um 21 Uhr PUTTY HILL gezeigt werden und wir freuen uns sehr, dass Matt Porterfield anwesend sein wird. Nach dem Film findet ein kurzes Filmgespräch statt.
Und am 7. Januar wird die Restaurierung von Nicholas Rays letztem Film WE CAN’T GO HOME AGAIN (1976/2011) aufgeführt werden. Mit einer Einführung von und anschließendem Gespräch mit Susan Ray, der Witwe des 1979 verstorbenen Filmemachers.
Das komplette Programm gibt es hier.
(Eingestellt von Hannes)
