In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Nach dem Rücktritt: Warum ist dieser Mann (noch immer) populär? Und was soll nun aus ihm werden? Vielleicht findet man die Antworten darauf im Kino.
Guttenberg war nie ein Politiker, dessen Person sich mit Inhalten oder politischen Leistungen verknüpft hat. Entsprechend ist sein Verhältnis zur Öffentlichkeit kein vermittelndes, keines des Überzeugen-Wollens. Auch von einer erotisch-charismatischen Beziehung zu seinem Publikum kann keine Rede sein. Vielmehr ist er ein Populist neuer Schule, der keine Wähler hat, sondern Fans (und „Facebook-Freunde”), die sich nicht so sehr mit ihm selbst als mit seinem narzisstischen Projekt identifizieren.
Die Politik wird so zu einer Performance, die nicht in einer Rolle aufgehen will, die als Arbeit am Schein immer präsent bleibt. Guttenberg stellt – wie ein Schauspieler aus der zweiten Reihe – die Disziplin aus, die ihn die Darstellung kostet, und er ist dabei weder mit seinem „Charakter”, noch mit sich selbst identisch. Er liebt sein Spiel, unabhängig von Rolle und Rahmen, und die Fans lieben ihn als Spieler, der nur eine Anstrengung von ihnen entfernt ist.
Denn das ist das Geheimnis dieser Liebesbeziehung: dass sich das Idol nicht auf sein Talent berufen kann, aber dennoch nicht bescheiden sein muss, weil der Erfolg ihm „recht” gibt. Nur deshalb eignet sich Guttenberg so gut als Vehikel ganz durchschnittlicher Aufstiegsträume, weil eben nicht der göttliche Finger am Werke war, sondern nur das Wollen. Der erschlichene Doktor passt da natürlich wunderbar ins Bild, genauso übrigens wie die „hohe” Herkunft, die so etwas wie ein Polster für die Verehrer schafft…
Eine vergleichbare Karriere im Kino, allerdings schon weiter fortgeschritten, und insofern vielleicht als Aussicht brauchbar, hat Charlie Sheen gemacht. Alter Hollywood-Adel sozusagen, der Vater ein respektierter Schauspieler, sehr früh zu Erfolg gekommen, und, obschon eindeutig talentfrei, bis heute populär. Nach großen Rollen im US-Mainstream der 1980er spielt er jetzt den radikalen Looser, im Fernsehen und „privat”, die Spiegelseite des substanzlosen Erfolges von gestern.
(gepostet von Christoph)

