In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Kurzer Hinweis:
Heute, Dienstag, den 18.11.2011 (um 19.30 h), feiert PEAK von Hannes Lang auf dem Festival DOK Leipzig Premiere. Ich hatte zufällig Gelegenheit, den Film vorab zu sehen (Stefan Stabenow, der meine Filme schneidet, war auch hier von der Partie) und möchte ihn dringend empfehlen.
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| Bilder des alpinen Wahns: PEAK von Hannes Lang (D 2011). |
PEAK ist ein Film über „die Letzten”, ganz wörtlich, wenn es um piemontesische Bergbauern geht, die in entleerten, sterbenden Dörfern leben und wissen, dass ihre Tage gezählt sind, weil sich niemand findet, ihre Tradition fortzusetzen – aber „die Letzten” auch – und dort liegt das dunkle Gravitationszentrum des Films – im Sinne jener Menschen, die jeden Bezug, jede Achtung vor dem Ort und was ihn spezifisch macht, verloren haben. Schnee und Piste werden als Industrieprodukte im Dienst eines Massentourismus anschaulich, der sich von Berg und Wetter emanzipieren möchte; „Freizeit” ist in diesem Zusammenhang ein Konzept, das Zeit und Welt verbraucht, aber nichts vom Verweilen weiss, und nichts von Freiheit. So sehr PEAK als Dokument der zerstörerischen Logik des Konsums beeindruckt, so wenig erschöpfen sich seine Qualitäten im „Engagement”, nicht zuletzt, weil Lang formalistische Leidenschaften hegt, die dem Kino selbst gehören. In seinen Bildern des alpinen Wahns erkennen wir uns selbst, gefangen im Tätigsein und ohne Hoffnung auf Zusammenhang, unfähig zu jenem Überblick, den Lang wieder und wieder in sorgfältig gebauten Tableaus konstruiert.
Für mich eines der besten Debüts der letzten zehn Jahre.
PEAK
Hannes Lang
DOK Leipzig
18.10., 19:30 Uhr, 19.10., 16:30 Uhr, 21.10., 10:30 Uhr, jeweils Cinestar 7.
(Eingestellt von Christoph)
