In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Ulrich Seidl ist immer für eine Überraschung gut. Schon bei HUNDSTAGE war es so, dass sich einzelne Szenen den „Schleifen der Sinnstiftung” so attraktiv entzogen haben, dass im Schneideraum gar nichts anders blieb, als die geplanten Verbindungen zu durchtrennen. Im Revolver-Gespräch (Heft 11) sagte er damals „das erste, was rausfliegt, ist der Plot” – und das, obwohl er ohnehin ohne konventionelles Drehbuch arbeitet. Trotzdem gibt es natürlich die Vorstellung von einem Film, die dann in Konflikt mit der Realität des Materials gerät. So war es auch mit PARADIES, der in Ausschnitten / als work-in-progress auf der Viennale zu sehen sein wird. Ursprünglich wollte Seidl in PARADIES episodisch drei Figuren – Mutter, Tochter, Tante – zu einem dreistimmigen Urlaubsfilm verknüpfen. Doch dann sind daraus drei ausgewachsene Filme geworden, die im doppelten Sinne familiäre Überschneidungen haben. Es wird interessant sein (auch im Hinblick auf unser „spektrales” DREILEBEN-Projekt), wie sich die Wahrnehmung der Einzelfilme mit Kenntnis der „Verwandten” verändert.
Am 26.10.2011 – um 20.30 h – wird Ulrich Seidl im Stadtkino Ausschnitte aus seinem Triptychon präsentieren und im Gespräch mit Stefan Grissemann und Claus Philipp (Stadtkino Filmverleih) von der Genese berichten. * Viennale Programm.
(Eingestellt von Christoph)
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Lieber „Anonym”, verstehe leider den Zusammenhang zwischen Kommentar und Post nicht. Wer verweigert sich wo wie wem?
C
Wenn der Filmemacher nicht in der Lage ist, die Lücken zu schließen, die seine Verweigerungshaltung erzeugt, bleibt es dem Zuschauer überlassen. Ihr verschätzt euch, was die menschliche Natur angeht. Sie stellt Kontexte her. Warum wollt I H R das nicht?
Und wenn sie fertig sind, laufen sie … an der Côte d'Azur?