• 23. Dezember 2021

Arved Birnbaum

Der Schauspieler Arved Birnbaum ist am 24. Oktober gestorben. Da es in unserem Umfeld einige gab, die das Glück hatten, mit Arved zu arbeiten, lag es nahe, den folgenden Mailwechsel, der nach seinem Tod entstanden ist, auf unserem Blog zu veröffentlichen. Vielleicht entstand diese besondere Würdigung auch gerade weil Arved nie die ganz großen Rollen gespielt hat. Ein großer Schauspieler und Mensch war er trotzdem. F

Franz Müller, 26.10.2021,

Liebe Sandra, Dominik, Christoph, Sebastian, Jan Martin, Peter und Rouven,

wie Ihr alle erfahren habt, ist Arved am Sonntag überraschend gestorben.

Bei einem Menschen wie Arved wäre es angebracht angesichts seines Todes drei Kanonenschüsse in die Luft abzufeuern. Da das heutzutage nicht mehr so einfach zu bewerkstelligen ist, habe ich eine Idee von Dominik und Christoph aufgegriffen und schreibe Euch jetzt alle an – ich hoffe, die e-mail Adressen funktionieren noch, denn teilweise habe ich sie seit Jahren nicht benutzt – weil ich glaube, dass dieser Mensch – oder besser dieser Typ, der eigentlich eine Ausbildung zum Elektriker gemacht hat in der DDR, dann an die Schauspielschule nach Rostock gegangen ist, dort nach Selbstauskunft ein schlechter Schauspieler war, weil er sich nicht hat „brechen lassen“, dann später auf der Bühne in Essen und an anderen Theatern sich alles von den älteren Schauspielern abgeschaut hat und wahrscheinlich genau aus diesen beiden Gründen selbst ein toller Lehrer war und als Schauspieler über ein unfassbar gutes Timing verfügte (weil es eben sein eigenes, ungebrochenes war) und der auch sonst ein großes Herz hatte und einen sicheren Instinkt, dass dieser Typ es verdient hat, dass man ein paar Beobachtungen und Geschichten aufschreibt, die man mit ihm verbindet. Denn ich bin mir sicher, davon gibt es einige. Arved war mit seiner Mischung aus Wärme und Direktheit, aber auch einer unberechenbaren Gefährlichkeit (vielleicht fällt mir im Verlauf des Mailwechsels noch ein besseres Wort ein) schillernd. Er hatte Glamour. Ein aufregender Schauspieler und Mensch. Ich habe es deshalb immer bedauert, dass er sein Talent so selten zeigen konnte.

Seid alle herzlich gegrüßt, wo immer Ihr auch seid.

Aus dem Schneideraum

mich hat’s gestern ziemlich erwischt

Franz

Christoph Hochhäusler, 27.10.21

Lieber Franz, liebe Alle,

danke für diesen schönen Aufschlag aus traurigem Anlass. Ich habe Arved zuerst bei dir gesehen, und die Großzügigkeit, mit der er in deinem SCIENCE FICTION gibt und nimmt, den Anderen Raum lässt, irgendwo zwischen armer Tor und Bademeister, zwischen Dschinn und Sancho Panza, witzig, verletztlich, menschlich, ist mir unvergeßlich. Viele Jahre später hatte er bei mir einen kleinen Auftritt in DIE LÜGEN DER SIEGER. Ungewöhnlich war seine Bereitschaft, die Aufgabe ganz unabhängig von ihrer Größe oder Bedeutung ernst zu nehmen. Das ist ja in Deutschland eine seltene Ausnahme. Er war, wie soll ich das sagen, bereit zu Staunen und hatte einen ansteckenden, heiseren Spaß am Spiel. Ich erinnere mich an meine Sorgen vorab, weil Arveds Hautton schwer zu fotografieren war, und wie sich dann alles in Wohlgefallen aufgelöst hat, als er da war. Weil er da war.

So viel fürs Erste,

C

Sandra Ehlermann, 27.10.21

Lieber Franz,

ich danke Dir für die Initiative.

Ich weiß nicht, ob Ihr diese Meldung schon gesehen habt:

https://www.tagesschau.de/kultur/schauspieler-arved-birnbaum-tod-101.html

Arved war ein langjähriger Freund. Er und ich haben einen sehr wichtigen Schritt gemeinsam gemacht. Ich glaube, mein erster 16mm Spielfilm VERSPIELT war auch für Arved ein Beginn und eine Weichenstellung in vielerlei Hinsicht. Franz, bist Du nicht dadurch auf ihn aufmerksam geworden? Arved spielte darin die Rolle eines LKW Fahrers, der an einer Autobahnraststätte von einer jungen Frau, gespielt von Valeska Hanel, dazu verführt wird, sie zu vergewaltigen. Anschließend bringt sie ihn um.

Solche Filme macht man vielleicht nur mit 25. Mich verstört mein eigener Film schon seit vielen Jahren so sehr, dass ich ihn nicht mehr schaue und auch niemandem mehr zeige… Dennoch denke ich irre gern an die Arbeit mit Arved und Valeska zurück, es war eine reine Freude. Keine Angst vor Grenzüberschreitungen im Spiel, aber immer – immer – immer – klar, konstruktiv, kreativ, vertrauensvoll und VERSPIELT in der gemeinsamen Arbeit. Ich war auf Arved gestoßen, als ich für einen Low Budget Film als Regieassistentin das Casting für die Nebenrollen machte. Er hatte dem Regisseur ein VHS Band mit einigen wenigen Schnipseln kleiner Fernsehfilmauftritte vorbeigebracht, wir schauten es uns an – ich fand ihn in diesen klitzkleinen Momenten biltzlebendig. Als Valeska und ich die männliche Rolle für VERSPIELT besetzen wollten, machte ich Arved am Theater ausfindig, ich glaube das war in Essen. Wir fuhren hin, um ihn uns anzuschauen und wussten, dies war der Täter und das Opfer für unseren Film.

Am Set lernte Arved zwei spätere enge Freunde kennen – Sebastian Ko, mein bester Freund, der ein „Making of“ drehte (was ich mir eher nochmal anschauen würde), und Jens Maria Merz, der die Kamera machte.

Arved und ich haben uns danach nicht mehr aus den Augen verloren. Nicht mehr miteinander gearbeitet, weil ich irgendwann keine Filme mehr machte, aber immer viel zu erzählen gehabt.

Die Wärme, die Zugewandtheit, sein Lachen, seine kraftvolle Stimme, das Blitzen in seinen Augen, was im einen Moment lustig und im anderen diabolisch sein konnte – er war ein Mensch und ein Schauspieler, den man nicht vergaß.

Einmal war ich sehr wütend auf ihn, als er mich überzeugen wollte, dass ich meinen schwer erkrankten Bruder zu einer Wunderheilerin schicke. Da hat es wirklich zwischen uns geknirscht.

Es gehört für mich zu dem Bild dazu, das ich von Arved habe – seine ver-rückte Seite. Und es meiner großen Wertschätzung ihm gegenüber, und meiner Freude, wenn ich ihn gesehen habe, in echt oder auf der Leinwand, keinerlei Abbruch getan.

Ich bin sehr traurig und mag es nicht fassen, dass er nun nicht mehr lebt.

Sandra



Peter Bösenberg, 30.10.21

Hallo, ihr Lieben,

danke, Franz, dass Du die Initiative zum Tod Arveds gestartet hast!

zum ersten Mal begegnete ich Arved in Franz` wundervollem Film „Kein Science Fiction“, doch unser Kennenlernen fand erst Jahre später statt, 2015, als ich, Rouven Blankenfeld nachfolgend, die Bereiche Filmtheorie und Drehbuch an Arveds und Sabines Schauspielzentrum zu unterrichten begann, was ich bis heute tue. Arved führte mich mit einer von Herzen kommenden Offenheit in die Schule ein, die mich berührte. Er war ein toller und eigenwilliger Lehrer, der an die ureigensten Fähigkeiten seiner Studierenden unverbrüchlich glaubte, auch ich lernte ne Menge von ihm. Die Schule zog 2018 von Hürth auf die Severinstraße in der Kölner Innenstadt. Zuvor, im Winter 2017, lud mich Arved ein, die noch nicht umgebauten und renovierungsbedürftigen Räumlichkeiten zu besichtigen, gemeinsam schlenderten wir durch ein muffiges, riesengroßes, fast fensterloses Loft, in dessen Ecken sich olle Teppiche stapelten. Er erläuterte mir, was er vor hat: Wo die Wände hin kommen sollten, wie er Lichter so installieren werde, damit alles hell wird, wie das Herzstück der Schule, der Theater- und Filmsaal, aussehen und was in ihm möglich sein soll. Wenige Monate später war das Schauspielzentrum, so wie Arved und Sabine es sich vorgestellt und in einem einzigartigen Kraftakt aufgebaut haben, sozusagen schlüsselfertig –das ehemalig dunkle Loft war hellen, großzügigen Räumlichkeiten gewichen, denen die Liebe anzumerken ist, mit der sie geplant und gestaltet sind. Im Zusammenspiel mit Arveds und Sabines unverbrüchlicher Loyalität ihren Studierenden und Dozierenden gegenüber, die sozusagen in die Räume mit eingebaut wurde, ist das Schauspielzentrum nun ein Ort, an dem jede und jeder aus seinen Fähigkeiten etwas machen und sich entwickeln kann.

Arved duldete es nicht, wenn ein Schauspiel-Student seine eigenen Gefühle täuschen wollte oder Impulse, die in ihm / ihr schlummern, nicht auszuspielen wagte, es tat ihm weh, wenn ein junger Mensch aus seinen Stärken nichts macht. In dieser Hinsicht kannte er keine Kompromisse, da ließ er sich, zum Glück, von keinem korrumpieren. Auch seinem Schauspiel sieht man diese Nicht-Korrumpierbarkeit in jedem Moment an. Andererseits nahm er sich die „Problemfälle“ unter den Studierenden mit seinem typischen Raubein-Charme zur Seite, bedeutete ihnen in wenigen Sätzen sein Verständnis für ihre Situation, und bat an, zusammen mit ihnen an einer Lösung des Problems zu arbeiten. Mich beeindruckte das. Es gibt im Schauspielzentrum einen alten Fahrstuhl, ein richtiger „Lastenesel“ aus alter Zeit, mit dem die Teppiche dieses ehemaligen Teppichlagers transportiert wurden. Man sieht ihm an, dass er zuverlässig seine Arbeit getan hat. Und doch wollte die Stadt Köln bzw. das Bauamt ihn aufs Altersteil stellen, aufgrund (angeblicher) Sicherheitsrisiken. Zur Abnahme der Räumlichkeiten ließ Arved den Zugang vermauern, nach der Abnahme die Steine wieder rausreißen. Anschließend war der Fahrstuhl wieder jenes Tor zwischen der Welt draußen und jener drinnen im Schauspielzentrum, in der das, was Arved als Schulleiter und Lehrer antrieb, sich verwirklicht –sonst hätte er diesen großen Aufwand des Umbaus nie betrieben–, nämlich, dass junge Menschen hier die Möglichkeit haben, als Schauspieler und mit den Mitteln des Schauspiels zu wachsen, zu reifen und zu werden. Und auch wenn der Fahrstuhl mittlerweile wieder den geltenden Brandschutzbestimmungen entsprechend angepasst wurde, bleibt Arveds Aktion und das, wofür sie steht, im Schauspielzentrum in Erinnerung. Wie Du uns allen fehlen wirst, Arved. Auch als Freund.

Peter

Sebastian Ko, 31.10.21

Liebe Alle,

genau eine Woche ist es jetzt her und ich ringe immer noch mit dem Verstehen.

Arved war Schauspieler, Schulleiter, geliebter Ehemann, Vater einer Tochter – und er war mein Freund. Dabei war der Elektriker aus Forst und einstige Gewichtheber des DDR Kaders gesegnet mit Mut und Selbstvertrauen. Einer, der sein Glück versucht und alles wagt, der nicht stehen bleibt und immer weiter träumt. Er durchschreitet dabei Deutschland von Ost nach West, quer durch alle Schichten. Als ich ihn 1997 bei einem Kurzfilm von Sandra Ehlermann kennenlerne, strotzt Arved nur so vor Kraft, und zwar ganz direkt, ganz physisch: Er ist ein bulliger Typ, ein Stiernacken mit Glatze. Wer will, kann vor ihm Angst haben, und diese körperliche Präsenz eines Bulldozers gepaart mit Zärtlichkeit und Humor bringt ihn nach vorn. TV hier, Kino dort – und Kurzfilme, jede Menge Kurzfilm. Mit denen erfüllt Arved schon früh eine Art ‚Bildungsauftrag‘ und erzieht junge Filmemacher wie mich damals zu besseren Regisseuren. Bei mir spielt er in vier Kurzfilmen mit. Und er ist eine ‚Bank‘: Enthusiasmus und Spielfreude, Energie und sein unverkopftes Herangehen rettet auch Rollen, die nur halb ausgegoren sind. Bei mir ist er Gangster, Bauchredner, Nachbar und Plattensammler. „Machen“ höre ich ihn sagen, und immer wieder ‚Machen‘, auch jenseits des Schauspiels. Er übernimmt eine Schauspielschule, führt sie von Köln-Porz nach Hürth und dann in die Kölner Innenstadt, er coached Henry Maske, reist nach Mali mit seinen Schauspiel-Schülern, produziert ihre ersten Filmübungen – und spielt und spielt und spielt. Über die Jahre verliert er dabei an Gewicht, ganz physisch: Arved wird dünner und schmaler. Und es ist die Eigenheit der Branche, dass sie solche Veränderungen schwer verzeiht. Arved fällt aus dem Raster früherer Typ-Besetzungen. Er kämpft sich frei, spielt statt des bulligen Handwerkers den Polizeichef im ‚Zielfahnder‘ (und bewältigt bravourös schwindelerregende Textmengen, in denen andere Schauspieler ertrunken wären) oder er spielt einen Germanenfürsten in ‚Barbaren‘ mit hinterlistiger Grandezza.

Gleichzeitig hört Arved nicht auf, von großen Hauptrollen zu träumen, von Allianzen und Netzwerken und von eigenen Drehbüchern. So wie die Komödie von „Oma“, die aus einem Altenheim ausbüchst – und deren schweijksche Spitzbübigkeit Arved aus dem Handgelenk anspielen konnte. Eben vielleicht auch, weil ihm die Figur in ihrer vorgeblichen Naivität all das bot, was er liebte: Timing, Spielfreude, Commedia dell arte, Molière und Tschechov. Figuren, die so mit sich selbst und ihrer persönlichen Tragödie beschäftigt sind, dass wir über sie lachen müssen.

Einmal schenkt Arved mir zum Geburtstag die Novellen von Guy de Maupassant. Die berühmteste daraus ist „Fettklösschen“, eine Gechichte einer Prostituierten, die an der verlogenen „ehrenwerten Gesellschaft“ zerbricht. Die Absurdität und die Komik, die gerade aus der genauen und präzisen Beschreibung von Gesehenem und Erlebten entsteht, hat Arved daran fasziniert. Das Beobachtete zu erspielen, dafür brauchte es nach Arved immenses Können und Schauspieltechnik, während ihm das „Hineinfühlen“ eher suspekt war. Statte Getue, lieber Tun, oder eben „Laber nicht“ . Arved war hier ein Pack-An, hemdsärmelig. Das war seine eine Seite. Und dann ging es privat auch wieder ganz anders. Da konnte er sehr wohl „labern“,und von seinen Überzeugungen wie die Welt beschaffen ist erzählen. Einige davon waren mir näher, andere blieben mir fremd. Großzügig war er auch hier, und seine Treue und Herzlichkeit fehlen mir. „Machen“ höre ich ihn wieder sagen. Jetzt ist er nicht mehr da.

Danke noch mal Franz für die Initiative hier, über Arved schreiben hilft.

Und ich hoffe, wir sehen uns alle bei der Beerdigung
und können uns gegenseitig mehr von Arved erzählen.

Lieber Gruss

Sebastian

Dominik Graf, 3. November 21

Liebe Freunde von Arved, liebe Sandra, lieber Christoph, lieber Franz, Sebastian, Jan Martin, Peter, Rouven…….

Arved war mir von Anfang an ungeheuer vielschichtig erschienen, hintersinnig, trotzdem unverblümt, witzig, manchmal sogar gefährlich wirkend wenn er wollte, er konnte als Pater in schwarzer Soutane „vierschrötig“ aussehen – ein schönes Wort übrigens, das im Duden völlig unzulänglich mit „bäurisch“ umschrieben wird. Ein Schalk war er, er konnte aber auch einen Choleriker spielen, war zu Hause in den Extremen, laut wie leise…. Er war, ach so voller gelebtem Leben!

Im Grunde hatte ich glaube ich einen deutschen Schauspieler, einen Typen wie ihn immer gesucht. Einer, der spielen kann, daß er dir dein Auto repariert und gleichzeitig ein Philosoph ist – oder manchmal fast ein Dämon, einer, der wie kaum ein anderer Elend und Lustbarkeiten in der deutschen Beamten-Bürokratie lässig kommentieren kann, aber sich dann in der schönen Serie „Weinberg“ mit dem dampfenden Blut eines soeben getöteten Wildschweins einreibt.

Ich arbeitete mit ihm an vier Rollen: drei gehobenen Polizeibeamten, der erste hiess nur „Einsatzleiter“ – er machte ihn groß – der nächste hiess Röber, der dritte hiess Vieth, eigentlich alle von Rolf Basedow als die gleiche Figur geschrieben und dennoch variabel….. – und er spielte 2007 – nach Hitchcocks Maxime, daß Priester und Polizisten im Film die eindrucksvollsten Uniformen haben…. – einen westfälischen Pater in der Spätromantik, dem, wenn er auf dem Kutschbock lacht -und er lacht viel- jedes Mal sein Pferd duchbrennt.

Im nächsten Kapitel: Schreianfall in „Angesicht des Verbrechens“ – „ich falte euch auf Din-A…….Erbsengrösse!!!!“ – Problem mit Zigarettenpausen im Büro….und: Arved und eine schiwerige Polizisten-Ansprache…

………Fortsetzung folgt.

Jan Martin Scharf, 07.11.2021

Liebe Runde,

meine erste Begegnung mit Arved muss 1998 gewesen sein – wir hatten als Erstsemester eine Filmübung an der Kunsthochschule für Medien zu drehen. Und ich besetze Arved in meiner ersten Kurzfilmübung. Er war – man kann das so sagen – mein erster Schauspieler. Und er sollte es immer bleiben, denn ich habe tatsächlich nur sehr wenige Filme ohne ihn gemacht – und auch in diesen hätte ich ihn liebend gern gesehen. Warum das so war, ist leicht gesagt: Arved hat mich zutiefst beeindruckt. Gleich zu Anfang und immer wieder neu. Über 23 Jahre.

Zuerst war da seine Präsenz. In meiner Erinnerung war ich damals neben ihm ein geradezu winzig kleiner Junge. Er hatte diesen großen Schädel, war wuchtig, einfach physisch stark. Ehemaliger Gewichtheber, DDR Leistungskader. Man sah das. Man spürte die Kraft, die in diesem Körper wohnte. Man spürte Entschlossenheit, Selbstgewissheit, unbändige Energie, insgesamt etwas Mächtiges und Geheimnisvolles, was ich vielleicht am besten mit „Wumms“ bezeichnen kann. Arved hatte massiv Wumms! Und dann wiederum lächelte er – unschuldig oder mit seinem berühmten Schalk, oder er senkte verletzt den Blick- und das Kraftpaket bekam auf einmal ungeahnte Vielschichtigkeit in allen menschlichen Dimensionen.

Für die Kölner Regiestudenten und angehenden Filmemacher war Arved damals ein wichtiger Mann. Ich glaube fast jeder, der in Köln in den späten 90er und frühen Nuller Jahren einen Kurzfilm gedreht hat, hat einen mit Arved gemacht. Er selbst war der Meinung, in der Kategorie Kurzfilmdarsteller ins Guiness-Buch der Rekorde zu gehören. Und er hatte Recht: es waren locker Fünfzig, vielleicht auch doppelt so viele – und er hat sie alle ohne einen – damals noch – Pfennig Gage gemacht. Er war großzügig mit seiner Kunst. Und er wollte nicht nur sich selbst in diesen zahllosen Filmen ausprobieren und trainieren – ich meine, er wollte auch uns zu besseren Regisseuren machen. An mir hat er jedenfalls bis zum Schluss hart gearbeitet und ich bin ihm wirklich dankbar dafür.

Arved war aber natürlich nicht nur mein Schauspieler – er wurde auch mein Freund. Das kam so: Nach unserem zweiten gemeinsamen Kurzfilm – der bis auf Arved  ziemlich missraten war – forderte er Kompensation: Ich sollte seine Hochzeit mit Video dokumentieren und das dann „an deiner Hochschule da“ zusammenschneiden. Es war Ehrensache dem Anliegen nachzukommen, doch ein Hochzeitsvideo zu drehen war für mich als großen angehenden Filmkünstler irgendwie schwierig. Ein Dilemma aus dem es zum Glück einen Ausweg gab: Ich wollte ein richtiges Projekt daraus machen: Und so begleite ich Arved und Sabine über Wochen, wenn nicht gar Monate, immer wieder bei ihren Hochzeitsvorbereitungen. Beim Ringe abholen, beim Anzug aussuchen, bei der priesterlichen Eheberatung und natürlich am großen Tag der Zeremonie. Arved und Sabine erlaubten mir über diese Zeit einen tiefen Einblick in ihr Leben. Und am Ende war ein 45 minütiger Dokumentarfilm – heute würde man wohl DokuSoap sagen – entstanden, der dank Arveds Offenheit so emotional und berührend war, dass der WDR ihn für ordentliches Geld kaufen wollte. Viel wichtiger aber war, dass Arved mir so die Chance gegeben hatte, ihn als Menschen viel näher kennen zu lernen, als das an Spielfilmsets möglich gewesen wäre. Ich durfte ihn in wichtigen Stationen seines Lebens unverstellt, verletzlich, glücklich aber auch wütend und überfordert erleben – und das auch zeigen. Er war da überhaupt nicht eitel oder fimmschig. Im Gegenteil, diese Form der Wahrhaftigkeit war, glaube ich, sein Ideal. Im Leben wie im Spiel.

Im Fernsehen war er mit diesem Ideal nicht immer richtig. Er litt unter der Unstetigkeit des Geschäfts und er litt zeitweilig sehr darunter, dass die großen Hauptrollen andere bekamen. Oft jene, die fernab von seinem Ideal der Klarheit und Wahrhaftigkeit spielten, was ihn dann besonders frustrierte. Als er eines Tages die Chance ergriff eine Schauspielschule zu übernehmen, wußte ich sofort, dass das genau das Richtige für ihn ist. Er hatte eine pädagogische Ader und wollte ja schon aus mir immerzu einen besseren Regisseur machen. Was musste dieser Mann erst für Schauspieler leisten können…

Mir schien es, als hätte Arved mit der Schauspielschule seine Erfüllung in beruflicher Hinsicht gefunden, wie er mit Sabine die Liebe seines Lebens gefunden hatte. Umso großartiger, dass die beiden die Schule zusammen betrieben. Als echter Vollblut-Spieler brannte er natürlich immer noch für Rollen und Drehs, aber er verbrannte sich dabei nicht mehr. Er hatte ja seine Schule, die ihm Stabilität gab, die ihn täglich forderte. Und wo er seinem eigentlichen Interesse nachgehen konnte: Der Komik. Arved war in seinem Herzen Komödiant. Ein Schalk. Ein echter Hauptmann von Köpenick. Er liebte es Leute zum Lachen zu bringen – und er betrieb das mit großer Ernsthaftigkeit. Molière, Tschechow, Ibsen – er hatte eine große Verehrung für die Klassiker des Theaters und erzählte immer wieder begeistert und voller Bewunderung vom eingebildeten Kranken, dem guten Mensch von Sezuan, oder, oder – da war er in seinem Element und er schickte mir gern Reclam-Hefte der Klassiker, wenn ich mal nicht mitreden konnte, weil er einfach fand, die müsse ich kennen und manchmal auch, weil er hoffte aus den Ideen der Klassiker moderne Drehbücher zu entwickeln.

Dabei wurden seine Rollen immer besser. Die Zusammenarbeit mit Dominik Graf. Unvergessen seine Rolle im „Zielfahnder-Flucht in die Karpaten“, wo er als bärbeißiger Einsatzleiter im Präsidium allen die Schau stiehlt. Arved hat diesen Film geradezu meisterhaft gekapert – und ich bin unendlich froh, dass ich auf der Premiere beim Münchner Filmfest Zeuge sein durfte, wie der Saal ihm huldigte. Ich war sehr stolz auf meinen Freund, den Schauspieler Arved Birnbaum. Und wieder sehr beeindruckt. Er spielte für mich unter anderem einen zunächst sehr harten, aber am Ende sehr rührenden Vater im Kinofilm „Dessau Dancers“. Einen äußerst abgründigen Bürgermeister in der Serie „Weinberg“ und schließlich einen Germanenfürsten in der Netflix-Serie „Barbaren“. Wir beide hatten es von lausigen Studentenfilmen bis zum Multimillionen-Varus-Schlachtspektaktel-Dreh in Budapest gebracht, wo rund um Arved mehrere hundert Komparsen wilde Schwertkämpfe miteinander ausfochten und der Boden brannte, obwohl die Regenkanonen alles überschwemmten. Wir grinsten uns an und gingen abends zusammen Bier trinken. Wie schon so oft – und wie ich nach seinem überraschend plötzlichen Tod finde – doch viel, viel zu selten.

Zuletzt spielte er mir die nur sehr kleine Tages-Rolle eines falschen Verdächtigen im Kölner Tatort. Aber wie! Tittelbach schrieb dazu: „Das Verhör mit dem Unschuldigen beschert dem „Tatort“ in Minute 54 ein echtes Highlight. Wie ein weißer Monolith sitzt Arved Birnbaum alias Johann Rehbaum den Kommissaren gegenüber.“ Die einzige Szene, die besondere Erwähnung findet, ist seine einzige Szene in diesem Film. Das muss man erstmal schaffen. Arved konnte das. Arved hatte Wumms.

Er fehlt mir sehr und meine Gedanken sind bei Sabine, seiner Frau. Vielleicht sehen wir uns bei seiner Beerdigung am 26.11. auf Melaten in Köln.  Liebe Grüße an alle Jan Martin

Dominik Graf, 7. November 2021

………

In „Angesicht“ hatte er in seinem Einsatzzentrum einen von Basedow geschriebenen Schreianfall von ca. 2 einhalb Minuten zu bewältigen. Wir drehten das mit mehreren Kameras und nur zweimal und en bloc. Sein Zorn wendet sich gegen Max Riehmelt – und an Ronny Zehrfeld als freundschaftlicher Kollege gleich mit – weil er meint, Max sei von seiner jüdisch-ukrainischen Verwandtschaft beim LKA Berlin eingeschleust worden und er habe nun eine Razzia verraten. Arved beginnt fast ironisch, baut den Cholerik-Bogen langsam auf, zeigt 50 Sekunden lang nochmal die armseligen Ergebnisse der Razzia vor und konzentriert sich dann voll auf Max. Er brüllt los, er bläst die beiden gleichsam wie ein Walfisch aus dem Raum und hört nicht mehr auf, selbst als sie – degradiert – zur Tür raus sind. „Ich falte euch auf Erbsengrösse, auf Din A 32!!!!“ ruft er ihnen hinterher. Und final:. „Leck mich doch am Arsch!!!!“ Pure Power. Mit der Autorität der selbstgerechten Entrüstung, virtuos gekonnt, rythmisch, melodisch sozusagen grandios strukturiert. Wir staunten alle nur. Ja, da brüllt auch das alte Preussen und der Kasernenhof. Aber bei Arved blieb alles immer tief menschlich. Er ließ in seinem wütenden Geblöke durchblicken, wie im Grunde persönlich enttäuscht er war.

Und da war dann noch ein Monolog in dieser Serie für seine Rolle „Röber“. Nachdem ein Bandenmitglied mangelns Beweisen wieder freigelassen werden muß, schwadroniert dieser Röber über die Kaste der ausländischen Geschäftsleute im neuen Berlin, eigentlich sei bei ihnen unter ihrer Oberfläche noch das „rohe Fleisch“ sichtbar, sie setzten drauf, daß „wir Deutschen aussterben, wir sind für die zum Kaufen da, Frauen kaufen, Drogen kaufen, sie sind die Sieger, die Barbaren, sie haben unser Land überschwemmt, sind uns an Lebenswillen und Kraft überlegen….“ Arved spricht das aus wie eine melancholische Einsicht in den historischen Lauf der Dinge per definitionem Arnold Toynbee, aber dann nach einem „tja, glauben wir noch an was, wollen wir kämpfen….?“ lächelt er und sagt den jungen Polizisten um ihn herum, „lasst euch nicht von mir entmutigen, einiges können wir ja noch tun bevor wir hier ganz abtreten, oder?“ Eine Durchhalte-Rede? Arved baut sie tonlich schlau. Sein Lächeln am Ende ist verschmitzt, dahinter könnte aber auch die in den 2000er-Jahren allmählich ins Bewusstsein gelangte rechte Tendenz der frustrierten deutschen Polizisten in den Brennpunkten des Landes stehen? Zutiefst ambivalent. Wir haben diskutiert, er hat den Text als authentisch genommen (was er bei Rolf Basedows einschlägigen Recherche-Kontakten wohl auch war), er wollte ihn sprechen wie er geschrieben war, „ich bin jetzt er“- Röber. Er wollte ihn nicht im Spiel kommentieren, sich gar distanzieren, „sonst verrat ich ja meine Figur.“ Er wollte identisch sein – egal, was er Arved selbst von der Rede hielt.

Jens Maria Merz, 8. November 2021

Liebe Freunde von Arved,

ich danke Sandra und freue mich, nun Teil Eurer Runde zu sein. Eure Texte und Erinnerungen habe ich gerne gelesen und möchte nur eine Eigenschaft von Arved noch hinzufügen: seine unverbrüchliche Freundschaft und Treue. Arved und ich haben uns bei Sandras wunderschönem Kurzfilm-Dreh kennengelernt und wurden schnell Freunde. Wenige Jahre später bin ich dann aus Köln nach Hamburg gezogen, und mit jedem Jahr, das seither verging, wurden die Kontakte in die alte Heimat spärlicher, die Freunde weniger. Nur einer rief stoisch immer wieder und immer weiter an: Arved. Irgendwann war er tatsächlich mein letzter und einziger Kontakt nach Köln und in die alte Zeit. Immer neue Ideen, immer neue Projekte. Energie ohne Ende.

Arved war Träumer und Malocher zugleich, ein sensibler Berserker, ein naiver Schlaumeier. Diese Mischung schlug jeden in den Bann, und ich habe sie bei keinem anderen Menschen je wieder so erlebt.

Arved;

ein dialektische Kerl

Fels in der Brandung und Kiesel am Strand.

Die goldene Mitte und der goldene Rand.

Den Blick auf die Welt – mit dem Rücken zur Wand.

Adler im Herzen, Spatz in der Hand.

Oft verrannt – und oft verkannt.

Kein Tod kann trennen, was uns verband.

Ich werde zu Arveds Beerdigung kommen. Er wird uns zusammenbringen, wie er es immer gerne tat. Im Leben wie im Tod.

Alles Liebe, Jens



Rouven Blankenfeld, 8.November 21

Liebe Freunde von Arved, liebe Sandra, lieber Franz, Christoph, Sebastian, Jan Martin, Peter , Dominik, Jens…….

Arved ist tot. Ich kann es eigentlich immer noch nicht begreifen. Arved wirkte auf mich wie ein Baum, wie ein Fels, wie einer, den nichts umhaut.

Vor über 19 Jahren habe ich Arved bei einem chaotischen Kurzfilm für die FH Dortmund kennengelernt. Wir waren ein Haufen unerfahrener Studenten die nicht so recht wussten was sie taten und ein professioneller Schauspieler: Arved. Es war bitter kalt und dreckig auf der stillgelegten Zeche, auf der wir drehten. Die Bedingungen waren eine Katastrophe. Dennoch gab Arved alles. Er war von der Geschichte überzeugt, liebte seine Rolle und verlor nie die Geduld mit uns. Seinen Einfallsreichtum und seine Leichtigkeit, unter diesen schweren Bedingungen so präzise zu spielen, konnte man nur bewundern.

Nach diesem Dreh arbeiteten wir weiter zusammen: an anderen Filmprojekten und an seiner Schauspielschule. Wir teilten die Liebe zum Film und den Frust über die Filmlandschaft. Er glaubte an mich und ich an Ihn. Dadurch lernte ich diesen kantigen, sensiblen, wohlwollenden und streitbaren Charakter immer besser kennen. Er war ein Träumer, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand. Ein Schauspieler, der sich nie hinter einer Maske versteckte. Eine Konstante in meinem Leben, die es jetzt nicht mehr gibt.

Und trotz all der Trauer über diesen großen Verlust bin ich stolz.

Ich bin stolz sagen zu können: Arved ist mein Freund.

Rouven

Franz Müller, 23.12.21

Ich kann mich nicht erinnern, dass es in den Haupt-Abendnachrichten mal einen Nachruf auf einen Schauspieler gab, der eigentlich fast sein ganzes Schauspielleben lang Nebenrollen und nie die ganz großen Rollen gespielt hat. Für Arved wurde eine Ausnahme gemacht. Zu recht. Vielleicht, weil allen klar war, dass er diese großen Rollen hätte spielen können. Er hat sie nicht bekommen, aber das Publikum, das hat er trotzdem gehabt. Die Leute mochten ihn einfach sehen, mochten sein Gesicht. Mich hat diese Geste des öffentlich-rechtlichen TV ein wenig damit versöhnt, dass Arved aufgrund der strukturellen Probleme unserer Film- und Fernsehlandschaft sein großes Talent so selten zeigen durfte.

Was ich auf Arveds Beerdigung gesagt habe und auch ein paar Dinge, die ich nicht gesagt habe:

Ich habe lange überlegt, was das besondere an Arved war und ist. Ich glaube, ich mochte am meisten seinen Mut. Dass er sich aufs Parkett gewagt hat.

Arved ist in Forst an der polnischen Grenze aufgewachsen, hat eine Ausbildung zum Elektriker gemacht und hat dann eine Ausbildung an der Schauspielschule in Rostock begonnen. Das sind schon mal zwei Lebenswelten, von denen man nicht sagen kann, dass sie in direkter Nachbarschaft liegen.

Eine wesentliche Unterrichtsmethode an den Schauspielschulen der damaligen Zeit bestand darin, junge Menschen zu brechen und dann Stück für Stück wieder aufzubauen. Aber Arved wollte sich nicht brechen lassen. Er hat deshalb schauspielerisch dort auch nicht viel gelernt, war nach eigenem Bekunden kein guter Schauspieler. Er wollte lernen, aber er wollte es selbst lernen, selbst entscheiden, von wem er lernt. Eine Schauspielausbildung nach dem Montessori-Prinzip hätte Arved möglicherweise akzeptiert, aber er wollte nicht zum Lernen gezwungen werden.

Er wollte sich und anderen treu bleiben, aber das hieß eben nicht – und in der Hinsicht war Arved blitzgescheit – zu Hause bleiben oder in seiner „Bubble“, sondern mit der eigenen Selbsterfahrung hinaus in die Welt gehen, sich in fremdes Gelände vorwagen.

Arved hat sich wenig für leblose Anleitungen interessiert, aber sehr für Menschen. An den Theatern, an denen er nach seinem Studium gespielt hat, hat er von den erfahreneren Kollegen gelernt. Die hat er kopiert und studiert und kapiert, wie es funktioniert.

Deshalb war er meiner Meinung nach auch ein guter Lehrer. Ich habe es ein paar Mal an seiner Schauspielschule schon ganz am Anfang mitbekommen, wie er jede und jeden einzelnen seiner Studierenden ernst nimmt, versucht herauszufinden, was ihre Eigenheiten sind und wie er ihnen beibringt, diese zum Glänzen zu bringen.

Arved war mit Sicherheit kein Opportunist – mit allen Problemen, die das mit sich bringt in einer Filmlandschaft, die oft mehr diplomatisches Geschick und die Zugehörigkeit zur bildungsbürgerlichen Klasse verlangt als künstlerisches Talent.

Arved war kein Bildungsbürger. Er hatte auch nicht deren Codes. Er hat aber mehr von Teschechow verstanden, als alle Literaturwissenschaftlerinnen und Theaterwissenschaftler, die ich in meinem Leben kennengelernt habe.

Arved war ein direkter Mensch,

einer, der einem Regisseur Sachen sagen konnte wie: Franz, du musst mehr loben! Du kommst aus einer Familie, in der nicht viel gelobt wurde. Das musst du lernen! Wir sehen ja, dass du die ganze Zeit hinterm Monitor lachst, aber es wäre schön, wenn du uns das auch ab und zu sagst: dass das gut ist, was wir da machen.

Aber vor allem war Arved neugierig, ein Abenteurer, ein Grenzgänger zwischen Welten. Soziale Schichten waren ihm egal. So kamen dann auf Geburtstagen bei Arved die tollsten Mischungen von Gästen zusammen. Berühmtheiten fremder Länder, Menschen die in der Finanzwirtschaft arbeiten, arme intellektuelle Künstler, Regisseure, Box-Champions und Lehrerinnen.

Dieses sich auf allen Fluren bewegen, auch der Mut, der darin liegt, das instinktive, körperliche auf das Intellektuelle prallen zu lassen und sich in diesem Unterfangen auch noch zu zeigen, das macht Arved für mich zu jemandem, dem ich wahnsinnig gern zusehe, weil er ein Risiko eingeht, weil er sich auf das Seil begibt.

Natürlich hatte er sich dafür die Skills angeeignet, aber man konnte ihn immer sofort dazu bewegen, alle seine Routinen hinter sich zu lassen, und er hat es mit Begeisterung und Freude angenommen. Ich weiß, wovon ich rede, weil ich einen ganzen langen Film mit ihm gedreht habe, für den wir kein Drehbuch hatten.

Es war deshalb umso wichtiger, im Vorfeld viel zu sprechen über die Rollen, sie zu entwickeln. Wenn alle anderen Schauspieler dann nach zwei Stunden spazieren gehen wollten, war Arved noch voll da und hatte Energie für drei und wollte weiter an den Figuren und Situationen arbeiten. Er ist der einzige Schauspieler, der mich nachts um drei angerufen hat und mir von einer Idee für seine Rolle erzählt hat, die dann auch meist noch richtig gut war. So hatte ich mir Filmemachen gewünscht: mit anderen interessanten Menschen Zeit zu verbringen.

Ich habe nie mehr mit einem solch schillernden Menschen gearbeitet, der so viel widerspiegeln konnte, so viel instinktives Verständnis für ihm nahe aber auch für ihm fremde Lebenswelten mitbringt. Arved konnte man aufbauen wie eine Zwiebel: spiel doch diesen Layer noch mit und das noch und das noch, und dann, wenn er mal danebenlag, musste man einfach nur nichts sagen, und er hat dann gesagt: ich weiß, Franz (oder wer immer Regie macht), das war Scheiße, lass es mich noch mal machen! Und dann wurde es gut.

Dieses Wandern zwischen den Welten, das „sich neu Erfinden“ und „wieder von vorn Anfangen“ – und Arved hat das ja in mehrerlei Hinsicht gemacht – er ist vom Handwerk zum Theater gegangen, von der DDR in die BRD, vom Spieler zum Leiter einer Schauspielschule – diese weiten Wege und die Offenheit, mit der Arved anderen Menschen begegnet ist, die kosten Kraft.

Arved hatte sehr viel Kraft, aber die Tragik, die neben allem Aufregenden und Schönen in dieser Kraftanstrengung steckt, weil sie eben auch ein Stück Auswandern und Heimatlosigkeit bedeutet, die war, vermute ich, der Grund, warum Arved in Sachen Komödie niemand etwas vormachen konnte. Was Timing im Spiel bedeutet, das habe ich über Arved verstanden. Wenn er einen Gang entlang ging, wusste er genau, wann er sich umdrehen musste, damit es einen Lacher gibt. Das hat mit Instinkt gar nicht so viel zu tun, sondern mit ungeheurer Erfahrung, die dann irgendwann dazu führt, dass man es einfach „weiß“.

Die Wahrhaftigkeit in seiner Komödie aber – und das ist ja dann das entscheidende – die hat mit den tragischen Anteilen seines Lebens zu tun und mit der Tatsache, dass er sie angenommen hat. Das hat es ihm ermöglicht, sich mit anderen zu verbinden, zu teilen. Ich würde mir wünschen, dass es mehr Menschen gäbe, die den Mut aufbringen, diese Kunst so auszuüben, wie Arved es getan hat.

Einen Film, den ich gern noch mit ihm gemacht hätte, wenn ich gekonnt hätte: Arved als Hratschek in Fontanes „Unterm Birnbaum“. Das wäre großartig gewesen.

Franz

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