In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Zu den Vorzeichen, die die „Tonart” unserer Wahrnehmung zuverlässig verschieben, gehört der biografische Schlüssel. Dass Martin Scorsese dem Priesterseminar nur knapp entronnen sei, hat schon so manche katholische Lesart seiner Filme rechtfertigen müssen; oft genug verstellen „vielsagende” biografische Details den Blick auf ein Werk eher, als dass sie ihn erhellen. Nuri Bilge Ceylan, längst ein Cannes-regular und damit wohl auch der sichtbarste aller türkischen auteurs, kann sich über die autobiografische Lektüre seiner Filme nicht beschweren – er provoziert sie. Seine Helden, die er gelegentlich selbst spielt, sind Fotografen (wie Ceylan es war) oder Filmemacher, werden geplagt von Konflikten, die Ceylans sein könnten und mehrfach tauchen seine Frau (die auch an den Drehbüchern mitschreibt) und seine Eltern in spiegelbildlichen Rollen auf. Dass Ceylan die Kamera oft selbst führt und seine eigene Wohnung als Drehort verwendet, passt da ins Bild. Trotzdem glaube ich ist der biografische Pfad hier nicht weniger trügerisch als bei einem „unpersönlichen” Filmemacher. Die Übereinstimmungen zwischen Erzählung und Leben scheinen eher äusserlich, die „künstlerische Schöpfungshöhe” beträchtlich. Allerdings fällt es auch mir schwer, den biografischen Schlüssel ganz ausser Acht zu lassen, wenn ich seine Filme sehe. Ich finde zum Beispiel, dass Ceylan gelegentlich „zu fotografisch” erzählt – eine Formulierung, die ohne mein Wissen um seine Vergangenheit wenig Sinn machen würde – insofern seine Art der Bildfindung oft weniger auf die Zeit als Kontinuum („Film”) als auf den statischen Moment („Fotografie”) abzuzielen scheint. Hätte ich das auch „erkannt” ohne das biografische Vorzeichen? Wer weiß. Mit seinem letzten Film ÜC MAYMUN (2008) hat Ceylan übrigens nicht nur die – in der Tendenz – naturalistische Fotografie und den modernistischen Miniplot seiner bisherigen Filme hinter sich gelassen, sondern auch den „autobiografischen” Kosmos. Ceylans neuer Film BIR ZAMANLAR ANADOLU’DA („Once upon a time in Anatolia”), der im Wettbewerb in Cannes zu sehen sein wird, scheint diese Entfernung „von Zuhause” fortzusetzen. Ich bin gespannt, welcher biografische Wink uns diese Wende plausibel machen wird…
Auf Ceylans Seite kann man einige seiner fotografischen Arbeiten sehen, darunter die Serie FOR MY FATHER, aus der auch die Abbildung „Daytime Nap” stammt. Die umfangreichen Bildmanipulationen, die mich an ÜC MAYMUN irritiert haben, sind hier schon vorformuliert.
(Eingestellt von Christoph)
