In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
„ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG, Fassbinders 1972/3 erstmals ausgestrahlte TV-Serie, hat Fernsehgeschichte gemacht. Auf Anhieb gelang der Versuch, ein populäres Genre umzufunktionieren: Erstmals wurde eine Familienserie im Arbeitermilieu angesiedelt, sozialpolitische und ökonomische Aufklärung verbunden mit Alltagsgeschichten voll Spannung und Unterhaltungswert. Heute, wo Millionen sich mittels DALLAS und GULDENBURGS in die Scheinwelt von Adeligen und und Ölmagnaten hineinträumen, wirkt Fassbinders Okkupation eines Trivilagenres ebenso kühn, wie nie wieder erreicht.”
Klappentext Fassbinders Filme, Acht Stunden sind kein Tag, Verlag der Autoren, 1991
„Bei einem so großen Publikum wie bei der Fernsehserie wäre es dagegen reaktionär, ja fast ein Verbrechen, wenn man die Welt so aussichtslos darstellen würde, denn denen muss man vor allem Mut machen und zu ihnen sagen: Für euch gibt es trotz allem Möglichkeiten. Ihr habt eine Kraft, die ihr einsetzen müsst, denn eure Unterdrücker sind von euch abhängig.”
RWF in einem Interview mit Christian Braad Thomsen, 1971/72
Wir zeigen die erste Serie von ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG „Jochen und Marion“ gespielt von Gottfried John und Hanna Schygulla am Samstag 27. Oktober um 14h im .CHB.
Danach um 16h das Fernsehkritische Magazin GLASHAUS TV in dem eine WDR Live-Sendung mit der eigenen Serie hart ins Gericht geht. Zu Gast ist der damalige Redakteur Martin Wiebel. Allein das es so etwas einmal gab!
(Saskia)
Dieser Beitrag hat einen Kommentar
Kommentare sind geschlossen.




Im Tagesspiegel-Interview mit G. John am Sonntag:
„Anfang der 70er Jahre lebten Sie kurzzeitig von Sozialhilfe. Was war los?
Mit Fassbinder hatte ich die Fernsehserie „Acht Stunden sind kein Tag“ gedreht. Der Werkzeugmacher Jochen, das war meine Rolle. Die Popularität danach hat mich fertiggemacht. Jeder auf der Straße dachte, ich sei der revolutionäre Arbeiter, der die Probleme anderer lösen kann. In der Kneipe gaben mir Leute Schnäpse aus und wollten meine Meinung zu Streiks wissen. Ich dachte, alle um mich herum sind verrückt. Ich wurde nur noch als Sozialarbeiter und Gutmensch gecastet. Da brauchte ich eine Auszeit. Erst Fassbinder hat mich gerettet und mich gegen den Strich besetzt. Ganz besonders mit „Berlin, Alexanderplatz“. Ich durfte den heftig stotternden Reinhold spielen, einen Kleinkriminellen. Das war die Wende.”
Siehe: http://www.tagesspiegel.de/zeitung/interview-die-polizei-und-das-leben-setzten-mir-grenzen-/7276196.html
C