In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
In der neuen Spex gibt es ein paar Texte, die uns angehen. Klaus Theweleit schreibt über „60 Jahre Cahiers du Cinéma”. Ralf Krämer interviewt Pierre Gras über „10 Jahre Berliner Schule” – und streift dabei auch Revolver. In Sachen B.S. schreiben auch Barbara Schweizerhof (über Maria Speths 9LEBEN und Ulrich Köhlers SCHLAFKRANKHEIT) und Esther Buss (über DREILEBEN von Petzold/Graf/Hochhäusler).
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Ralf Krämer:
Die Wechselwirkungen von Filmkritik und Filmemachen sind in Frankreich Legende. Aus der Redaktion der Cahiers du Cinéma ging die Nouvelle Vague hervor, auch Olivier Assayas, der zuletzt mit CARLOS für Aufsehen sorgt, hat dort lange als Redakteur gearbeitet. Die Regisseure aus dem Kreis der Berliner Schule erschreiben sich mit der Filmzeitschrift Revolver gewissermaßen ihre eigene Sekundärliteratur. Was bedeuten diese unterschiedlichen Ansätze?Pierre Gras:
Zunächst: Die Cahiers du Cinéma haben – und das spricht dann vielleicht doch für ein in Frankreich generell größeres Interesse an der Filmkunst – eine Auflage von etwa 30.000. Davon sind vergleichbare deutsche Zeitschriften weit entfernt. Aber abgesehen von den unterschiedlichen historischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen unterscheiden sich die Ansätze nicht wirklich. Heute wird in Revolver wie damals in den Cahiers von Filmemachern über das Filmemachen nachgedacht. Sie formulieren ihre Ansprüche an das Kino und führen Interviews mit ihren Vorbildern
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Revolver hat, übrigens, eine Druckauflage von 2000 Stück.
(Eingestellt von Christoph)