In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Ein kurzfristiger, aber absolut empfehlenswerter Veranstaltungshinweis:
Noch bis Freitag findet im Österreichischen Filmmuseum eine Reihe zu Reinhard Wulf statt. Im Ankündigungstext heisst es:
„Von Mitte der 1960er bis weit in die 90er Jahre waren die „Dritten Programme“ des deutschen Fernsehens – und hier vor allem die Filmredaktion des WDR – europaweit führend in der Vermittlung von Film via TV. Ihre essayistischen Reflexionen des Kinos, Porträts von Filmemachern und Beiträge zu historischen und aktuellen Aspekten des Films prägten Generationen von Cinephilen. Von den Senderverantwortlichen „eigentlich mehr geduldet als geliebt“ (Wilfried Reichart), kam die Arbeit der WDR-Filmredakteure einer Subversion des eigenen Mediums gleich. Man feierte, untersuchte, vertiefte das, was im Fernsehen nicht geht: Kino.
In den letzten 20 Jahren wurde diese Tradition am stärksten durch Reinhard Wulf und sein Kinomagazin aufrecht erhalten – produziert vom WDR in Köln und ausgestrahlt auf 3sat. Wulf war von 1990 bis 2012 für die Reihe verantwortlich. Er setzte sich für einen sehr offenen, unberechenbaren Filmbegriff ein, der Avantgarde- und Horrorkino ebenso umfasst wie die filmischen Arbeiten bildender Künstler und die Speerspitzen des zeitgenössischen Autorenfilms. Und er ließ Formen zu, die weit entfernt sind von der dominanten Ästhetik des TV-Journalismus. Seine eigenen Filme über Filmschaffende sind Musterbeispiele dafür, wie der künstlerische Arbeitsprozess authentisch vermittelt werden kann: durch zurückhaltende Beobachtung, lange Gespräche ohne Zeitdruck, das Warten auf signifikante Momente. In der Werkauswahl für diese Hommage werden beispielhafte (Film-)Künstler bei der Arbeit porträtiert – William Kentridge, Christian Petzold, Theo Angelopoulos, James Benning und Mark Lewis. Letzterer steuert zu dieser Reihe eines seiner eigenen Hauptwerke bei: Backstory wird im Anschluss an Reinhard Wulfs Porträt Mark Lewis – Nowhere Land gezeigt.”
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James Benning, Circling the Image
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12. bis 14. Dezember, Österreichisches Filmmuseum, Wien.
Das Programm von ARTISTS AT WORK. HOMMAGE AN REINHARD WULF findet sich hier.
(Eingestellt von Hannes)
