In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Veranstaltungshinweis:
Dienstag, 11.12. 20 h, Roter Salon (Volksbühne Berlin).
Philosophie der Überstürzung mit Marcus Steinweg.
Zu Gast: Jeanne Faust „Drei Filme”
Diese philosophische Reihe etabliert die öffentliche (und eher plötzliche als
allmähliche) „Verfertigung der Gedanken beim Reden”.
Die Künstlerin Jeanne Faust wird im Roten Salon drei kurze Filme zeigen, die sie
mit dem Schauspieler Lou Castel gedreht hat, dessen Rolle in „Warnung vor einer
heiligen Nutte” von R.W. Fassbinder ihnen als Anlass ihrer Zusammenarbeit
gedient hat. Gemeinsam ist den Filmen „Interview”, „the mansion” und
„Reconstructing Damon Albarn in Kinshasa” die Untersuchung hierarchischer
Strukturen in Sprache und Bild.
Ekkehard Knörer hat in einem sehr schönen Text zu Jeannes Filmen geschrieben:
„Jeanne Faust, so scheint es, inszeniert das Leben, als wäre es inszeniertes Leben. (…) Der Betrachter erfährt nichts (von Belang). Er wird allerdings zur Erfahrung dieser Nicht-Erfahrung genötigt und erlebt sein Dürsten nach dem Herausspringen eines Sinns, der, als solcher, ausbleibt. Dieses Erlebnis aber ist keines der Frustration, denn die Funken springen von beiden Seiten (der der Fiktion und der der Dokumentation), um sogleich wieder ausgelöscht zu werden. Entzogen bleibt eine klare Ordnung der Bilder, der Register. Darin, diesen Entzug als Sog spürbar zu machen, liegt Jeanne Fausts erstaunliche Kunst.”
(Eingestellt von Ulrich Köhler)
