In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
William Friedkin, der mit FRENCH CONNECTION (USA 1971) einen der besten Polizeifilme des amerikanischen Kinos gedreht hat und spätestens nach TO LIVE AND DIE IN L.A. (USA, 1985) als Filmemacher aus dem Tritt gekommen ist, versucht seit einigen Jahren ein Comeback. Mit JADE (USA 1995), damals groß als back to form angekündigt, gelang das definitiv nicht, vielleicht weil der Film gerade die einfachen Tugenden der frühen Arbeiten vermissen liess. BUG (USA 2006), den ich leider nicht gesehen habe, und nun KILLER JOE dagegen versprechen eine Rauheit, die mich anzieht. Der Film wird dem Vernehmen nach im Wettbewerb in Venedig Premiere feiern. Ich bin gespannt.
(Eingestellt von Christoph)
Dieser Beitrag hat 5 Kommentare
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gibt einen guten Einblick in THE HUNTED: http://www.youtube.com/watch?v=ludCRLiVgUo
mit bug hatte ich trotz einiger schöner einfälle auch meine probleme, aber the hunted ist großartig! reines bewegungskino, konsequent bis zur totalen regression aufs animalische zu ende gedacht.
Muss Herrn Knoerer leider widersprechen. BUG ist die perfekte Klammer in Friedkins Schaffen von seinem ersten künstlerisch ambitioniertem Ein-Bühnenbildfilm und Irrsinnsspektakel THE BIRTHDAY PARTY über die Kontinente verbindenden Xenophobwerke zurück in den personalen Ein-Bühnenbild-Irrsinn. Das ruhige ausklingende Werk eines inzwischen Opern-Regisseurs, der sich im Detail ergehen kann.
Ein in allen Belangen außergewöhnliches Werk hat Friedkin nach LEBEN UND STERBEN IN L.A. noch geschaffen. RAMPAGE – ANKLAGE MASSENMORD ist nicht nur das diskurslastigste, was ich zum Thema Todesstrafe je gesehen habe, sondern erfüllt auch perfekt jegliches Symmetrieverhältnis in der Argumentation und schafft es durch seine Ausblicke auf die Neurowissenschaften über den "Freien Willen" in die Science ohne Fiction vorzustoßen.
BUG hat mich in seiner vibrierenden Fiebrigkeit ziemlich beeindruckt, auch wenn's schon wieder einige Jahre her ist und ich das heute vielleicht kritischer sehen würde. Von KILLER JOE wusste ich bisher gar nichts, sieht gut aus, danke für den Hinweis!
"Bug" fand ich leider auch gar nicht gut. Schlecht aufgemotztes schlechtes Theaterstück.