In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr


Rebecca Romijn „im Spiegel” Barbara Stanwycks / Billy Wilders DOUBLE INDEMNITY in Brian De Palmas FEMME FATALE.
Über einen Film zu schreiben bedeutet immer Übersetzungsarbeit. Im System der Sprache muss zunächst eine Art Modell errichtet werden, in dem der Film aufscheint. Text-basierte Kritik und Analyse arbeitet also notwendig parallel zum Medium. Filme über Filme zu machen – und damit sozusagen im Medium zu bleiben –, galt lange Zeit als esoterische, wenig ernst zu nehmende Alternative. Mit der Demokratisierung der Produktions- und Distributionsmittel im Netz jedoch hat sich die audiovisuelle Filmkritik emanzipiert. Videoessays haben im cinephilen Diskurs inzwischen einen festen Platz. Michael Baute, einer der Gründer der newfilmkritik (eines der ältesten deutschen Filmblogs), hat sich immer wieder intensiv mit dem Genre des „filmvermittelnden” Films auseinandergesetzt. Zunächst als Chronist in dem Projekt Kunst der Vermittlung, später als Dozent und Praktiker dieser Form. Wir wollen mit ihm anhand von Beispielen aus seiner Werkstatt über Besonderheiten und Perspektiven audiovisueller Kritik sprechen, über die Produktionswirklichkeit und das Verhältnis zur „klassischen” Filmkritik.
Ziel ist ein offener Diskurs. Alle Filminteressierten sind dazu herzlich eingeladen.
Wir freuen uns
Christoph Hochhäusler, Nicolas Wackerbarth
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Der Filmpublizist Michael Baute im Gespräch mit Christoph Hochhäusler und Nicolas Wackerbarth. Mit Videobeispielen.
Am FREITAG, den 30.01.2015 um 20.00 h im Roten Salon.
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DER GAST:
Michael Baute, geboren 1968 in Bielefeld, seit 1995 in Berlin, ist Autor, Dozent, Medienarbeiter und Kurator. Schreibt und veröffentlicht seit 1992 zu Kino in Büchern, Katalogen, Zeitschriften (u.a. Jungle World, Sigi-Goetz Entertainment, Cargo, kolik.film, tip Berlin und taz) sowie im von ihm 2001 mitgegründeten Weblog newfilmkritik. 2006 Co-Herausgeber (zusammen mit Volker Pantenburg) von Minutentexte. The Night of the Hunter (Berlin: Brinkmann und Bose). 2008 Co-Autor des auf jenem Buch basierendem Hörspiel Minutentexte. The Night of the Hunter. Von 2008 bis 2009 künstlerischer Leiter des Projekts Kunst der Vermittlung. Aus den Archiven des Filmvermittelnden Films (kunst-der-vermittlung.de), welches sich mit der Erforschung, Sammlung und Verbreitung audiovisueller Formen von Film- und Kinovermittlung beschäftigte. Seit 2010 Lehrveranstaltungen und Workshops an Universitäten und Filmhochschulen, inklusive Produktion von Video-Essays. Letzte Film-Veröffentlichung (2010): Godardloop
DIE MODERATOREN:
Christoph Hochhäusler Geb. 1972 in München. Autor, Regisseur. Revolver-Gründer und Mitherausgeber. Studium: Architektur an der TU, Berlin; Filmregie an der HFF, München. Filme (Auswahl): „Milchwald“ (2003), „Falscher Bekenner“ (2005), „Séance“ (Kurzfilm, Teil des Omnibusfilmes „Deutschland ’09“), „Unter Dir die Stadt“ (2010), „Eine Minute Dunkel“ (Teil der Trilogie „Dreileben“, zus. m. Christian Petzold und Dominik Graf, 2011), „Die Lügen der Sieger“ (2014).
Nicolas Wackerbarth Geb. 1973 in München. Regisseur, Autor, Schauspieler. Revolver-Mitherausgeber. Studium: Schauspiel an der Bayerischen Theaterakademie München; Filmregie an der DFFB, Berlin. 1996–97 Schauspiel Frankfurt, 1997–2000 Städtische Bühnen Köln. Filme (Auswahl): „Anfänger!“ (TV, 2004), „Westernstadt“ (Dok., 2005), „Halbe Stunden“ (Kurzfilm, 2007), „Unten, Mitte, Kinn“ (2011), „Halbschatten“ (2013).
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REVOLVER LIVE!
CHRONIK
(25.10.2003)
Christian Petzold: Einführung in eine innere Filmgeschichte
(14.12.2003)
Michael Haneke: Der unbestechliche Blick
(11.01. 2004)
Die Methode Seidl: Ulrich Seidl, Maria Hofstätter, Georg Friedrich, Vivian Bartsch
(28.01.2004)
Persona-Abend mit Judith Engel, Bibiana Begelau und Hinnerk Emmrich
(8.05.2004)
Romuald Karmakar: Filmarbeiter
(6.04.2005)
Angela Schanelec: Raumsprache (mit Reinhold Vorschneider)
(17.06.2005)
Neue Realistische Schule? Ade, Enders, Winckler, Voigt
(12.08.2005)
Thom Andersen: Story, History and Space: Los Angeles plays itself
(17.10.2005)
Perspektive Filmkritik: Diedrich Diederichsen, Manfred Hermes, Enno Patalas
(29.10.2005)
Berlin Sub: Filme ohne Auftrag. Hangover Ltd., b_books av, Tödliche Doris
(15.06.2006)
Dokumentarische Positionen: Gerhard Friedl, Stefan Landorf, Volker Sattel
(31.09.2006)
Ulrich Köhler: Der diskrete Charme (mit Patrick Orth)
(7.10.2006)
Valeska Grisebach: Helden des eigenen Lebens
(7.01.2007)
Terry Gilliam: Visionär und Alchemist
(7.05.2007)
Hans-Jürgen Syberberg: Höhle der Erinnerung
(10.08.2007)
Hou Hsiou-Hsien: Erfahrung vs. Erzählung
(1.10.2007)
Tankred Dorst + Ursula Ehler: Die Stimme des Erzählers
(13.11.2007)
Hans Hillmann: Das Filmplakat
(13.04.2008)
Susanne Lothar + Ulrich Noethen: Gefühle spielen
(2.5.2008)
Götz Spielmann: Stadt und Land
(29.4.2008)
Lav Diaz: Vergehendes Leben
(9.04.2008)
Maren Ade: Kampf um Nähe
(18.11.2009)
Jean-Pierre + Luc Dardenne: Physis, Drama, Märchen
(2.10.2010)
Mia Hansen-Løve: Gefühl und Verstand
(24.03.2011)
Olivier Père: Cinema in Transition / The Festivals
(5.12.2011)
Marie Vermillard: Erleben und Erfinden
(09.01.2012)
Marie-Pierre Duhamel – ‚I am a stranger here myself‘
(27.01.2012)
Andrew Bujalski – Unschärfe des Lebens
(7.05.2012)
Angriff der Gegenwart – Vier Debüts
(15.09.2012)
Close-up Arsenal – Innenansichten einer modernen Kinemathek
(28.10.2012)
Nadav Lapid
(1.10.2013)
Ula Stöckl
(2.12.2013)
Günter Stahnke: Zwischen den Stühlen
(26.01.2014)
Peter Liechti
(14.03.2014)
Ramon und Silvan Zürcher: Merkwürdiger Alltag
(15.04.2014)
Arne Feldhusen: Gemischte Gefühle
(25.04.2014)
Razvan Radulescu: Aus der Werkstatt des neuen Rumänischen Kinos
(07.09.2014)
Albert Serra: Die Grenzen der Sehnsucht
(24.10.2014)
Was ist aktivistische Filmkritik?
(2.11.2014)
Ruben Östlund – Keine Helden nirgends