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REVOLVER LIVE! (64), SELMA DOBORAC: DE FACTO – DAS UNFASSBARE BEGREIFEN
zu Gast im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr

In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)

Tickets für Revolver Live! #64 & Screening von DE FACTO im fsk Kino Berlin Kreuzberg:
https://fsk-kino.peripherfilm.de/events/event/revolver-live-de-facto/

„Vom ersten Augenblick an entwickelt DE FACTO durch die Genauigkeit und Komplexität des geschriebenen Textes eine Sogwirkung, die sich immer mehr auf eine Denkbewegung hin öffnet. Paralysierende Momente der Schilderungen von genozidalen Verbrechen werden immer wieder von historischen und philosophischen Referenzen unterbrochen, wodurch die Rede ihre eigene Reflexion anstößt.“
(Nichts ungeheurer als der Mensch. Der Caligari-Preisträgerfilm DE FACTO, Essay von Silvia Bahl, Filmdienst, März 2023)

„Dieser Film lässt sich wie eine Schablone auf Genozide, Kriegsverbrechen oder Reden von Diktatoren legen. Er beinhaltet eine gleichbleibende Wahrheit. Sie zu erkennen, ist die Arbeit des Films. Sie zu unterbinden, läge an uns. Dass man diese vom Film evozierte Zeitlichkeit nur erlebt, wenn man sich die komplette Dauer (sowohl einer Einstellung als auch des gesamten Films) aussetzt, ist in der heutigen Zeit fast ein Anachronismus. Zuhören ist ein Anachronismus. Gleichzeitig aber erinnert genau dieses Ausgeliefertsein an die eigentümliche Kraft des Mediums. Man hört zu und erlebt so selbst körperlich, was es bedeutet, sich bewusst zu werden, zu was Menschen fähig sind.“
(DE FACTO – Hervorgeholtes vergegenwärtigt, Essay von Patrick Holzapfel, Fidback, Revue de cinéma, Print-Ausgabe #0, September 2024)

„In DE FACTO ist es Doboracs jahrelange Recherche, die das zusammenführt, was getrennt womöglich nur in einem luftleeren Raum weiter mit den immer gleichen Slogans abgearbeitet wird. Das ist ein notwendiger Schritt für das Kino, denn das, was gesagt wird und gesagt werden darf, verschiebt sich mit der Zeit. Dazu kommen die neuen alten Verbrechen. Das Kino braucht sich anpassende Wege, keine Gewissheiten. Der in politischen Diskursen oft bemühte Vergleich zwischen verschiedenen Verbrechen droht ein Holzweg zu sein. Er führt oft zu keiner Erkenntnis, dient viel eher einer Stigmatisierung man denke nur an die zahlreichen Holocaust-Vergleiche. Das sind sich abnutzende Totschlagargumente, die die eigentlichen Verbrechen aus ihrer Zeit nehmen, die einen Grad der Heftigkeit anzeigen, nicht aber das, was eigentlich passiert oder gar wie man es verhindern könnte. Doborac trachtet hier nach dem Gegenteil, sie zieht keine Vergleiche, sondern denkt zusammen. Könnte man hier von einer utopischen Hoffnung sprechen? Wenn wir verstehen könnten, was all diese Täter gemeinsam haben, könnten wir ihre Taten in Zukunft verhindern?“
(DE FACTO – Hervorgeholtes vergegenwärtigt, Essay von Patrick Holzapfel, Fidback, Revue de cinéma, Print-Ausgabe #0, September 2024)

Filminformationen zu DE FACTO (AT/DE 2023, 130 Minuten) von Selma Doborac:
https://www.filmgarten.at/de-facto
https://sixpackfilm.com/de/catalogue/2968/
https://jugendohnefilm.com/augenhoehen-ein-gespraech-mit-selma-doborac-zu-de-facto/

Biografien

Selma Doborac, geboren 1982 in Bosnien und Herzegowina, lebt in Wien und arbeitet in hybriden Bereichen zwischen Essayfilm, Dokumentarfilm, Spieldokumentarfilm und Experiment, sowie im Bereich der Fotografie und der konzeptuellen, ortspezifischen Rauminstallation. Studium der Medienübergreifenden Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien bei Bernhard Leitner, sowie Studium der Filmkunst an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Harun Farocki. Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen, Filmfestivalteilnahmen und internationale Auszeichnungen.

Franz Müller, geb. 1965, lebt als Regisseur, Autor und Produzent in Berlin. Studium Malerei bei Gerhard Richter und Kybernetik bei Oswald Wiener. Aufbaustudium an der Kunsthochschule für Medien in Köln u.a. bei Michael Lentz und Wolfgang Becker. Seit 2016 Mitgeschäftsführer der Filmproduktionsfirma Mizzi Stock Entertainment. Seit 2023 Professur für neue narrative Formen an der KHM. Filme (u.a.): Science Fiction (2003), Die Liebe der Kinder (2009), Worst Case Scenario (2014), Happy Hour (2015), Die bewohnte Insel (2020), The Diaries of Adam and Eve (2023), Das Glück der Tüchtigen (2025).

REVOLVER LIVE! (64): SELMA DOBORAC: DE FACTO – REALISING THE UNCONCEIVABLE
at fsk cinema Berlin on 30 November 2025 at 8 p.m.

In her first two feature-length films, artist and filmmaker Selma Doborac grapples with crimes against humanity, testing the limits of how cinema can address such atrocities. In THOSE SHOCKING SHAKING DAYS, she contemplated the possibility of documenting the horrors of war through rhetorical questions alone. In DE FACTO, however, she takes a fundamentally different approach: arriving at cinematic answers through the rigorous distillation of extensive research.
The film’s clarity reveals the immense emotional and intellectual labor demanded of both director and cast to visualize the unfathomable. It is a work of deep consideration, carefully balancing abstraction with fact, and theatricality with restraint. This calibration serves a singular purpose: to move closer to an authentic reckoning with crimes that are not inhuman, but devastatingly human.
Following the screening, we will discuss the creative process behind the film and how DE FACTO arrived at its distinct form.
(Franz Müller)

Tickets for Revolver Live! #64 & screening of DE FACTO at fsk cinema Berlin Kreuzberg:
https://fsk-kino.peripherfilm.de/events/event/revolver-live-de-facto/

“From the very first moment, DE FACTO develops a pull effect through the accuracy and complexity of its written text, increasingly opening out into a movement of thought. Paralysing moments in which genocidal crimes are described are repeatedly interrupted by historical and philosophical references, whereby the language spoken triggers its own reflection.”
(Nichts ungeheurer als der Mensch. Der Caligari-Preisträgerfilm DE FACTO (Nothing More Monstrous than Man: The Caligari Prize-Winning Film DE FACTO), Essay by Silvia Bahl, Translation Peter Waugh, published in Filmdienst, March 2023)

“This film can be applied like a template to genocides, war crimes or speeches by dictators. It contains a consistent truth. Recognising that truth is the work of the film. It is up to us to do something about it. In this day and age, it has become almost an anachronism that one can only experience the temporality evoked by a film if we are exposed to it for the entire duration (either of one shot or of the whole film). Listening is an anachronism. At the same time, however, it is precisely this exposure that reminds us of the peculiar power of the medium. One listens and physically experiences what it means to be aware of the things that human beings are capable of.”
DE FACTO – Hervorgeholtes vergegenwärtigt (Actualising an evocation), Essay by Patrick Holzapfel, Translation Peter Waugh, published in Fidback, Revue de cinéma, Print Issue #0, September 2024)

“In DE FACTO it is Doborac who has amalgamated, over many years of research, what might otherwise have been treated as isolated cases, in a vacuum and categorised under the usual headings. This is a necessary step for cinema, because that which is said and which it is permissible to say changes with time. Then there are also the new old crimes. Cinema needs approaches that enable it to adapt, rather than certainties. Drawing comparisons between different crimes, an approach often used in political discourse, tends to lead in the wrong direction. Often it does not produce any insight at all, but rather serves to stigmatise – one need only think of the numerous Holocaust comparisons. It involves outworn arguments about manslaughter, which detach the actual crimes from their time, indicating the seriousness to a certain degree, but not presenting what actually happens or even how it could be prevented. Here, Doborac strives for the opposite: she does not draw any comparisons, but amalgamates them all as one. Could we speak of a utopian hope here? If we could understand what all these perpetrators have in common, could we prevent their crimes in the future?”
DE FACTO – Hervorgeholtes vergegenwärtigt (Actualising an evocation), Essay by Patrick Holzapfel, Translation Peter Waugh, published in Fidback, Revue de cinéma, Print Issue #0, September 2024)

Film information DE FACTO (AUT/GER 2023, 130 minutes) by Selma Doborac:
https://sixpackfilm.com/en/catalogue/2968/
https://www.filmgarten.at/de-facto
https://jugendohnefilm.com/augenhoehen-ein-gespraech-mit-selma-doborac-zu-de-facto/

Biographies

Selma Doborac was born in 1982 in Bosnia and Herzegovina, she lives in Vienna and is working in hybrid fields of essay film, documentary film, feature film and experiment, as well as in the field of photography and conceptual, site specific surroundings. Studies at the University of Applied Arts, Vienna, Department for Mixed Media Strategies with Bernhard Leitner, as well as studies at the Academy of Fine Arts, Vienna, Department for Art and Film with Harun Farocki. Numerous exhibitions, film festival participations and multiple international awards.

Franz Müller, born 1965 is a Berlin based filmmaker. He studied fine arts at the Arts Academy Düsseldorf with Gerhard Richter and Oswald Wiener. Post graduate studies at Academy of Media Arts Cologne; since 2016 he also coproduces films for Mizzi Stock Entertainment; since 2023 professorship for „new narrative forms“ at the Academy of Media Arts Cologne. Films (a.o.): Science Fiction (2003), Wallace Line (2009), Worst Case Scenario (2014), Happy Hour (2015), Die bewohnte Insel (2020), The Diaries of Adam and Eve (2023), All That’s Due (2025).

Revolver Live! Chronik:

02.06.2025 Oliver Schmitz – Zwischen Kapstadt und Berlin

07.04.2024 Jürgen Jürges – Zugewandte Zeugenschaft

06.04.2024 Queere Reifeprüfungen – mit Merle Grimme, Julia Fuhr Mann, Fabian Stumm

03.03.2024  Gerd Kroske – Gegen den Strich

13.07.2023  Radu Jude – Dialektischer Witz

02.10.2020  Bertrand Bonello – Bezug zum Jetzt

05.07.2019  El Pampero Cine – Laura Citarells, Pierri, Alejo Moguillansky 

26.01.2019  Bruno Todeschini 

04.01.2019  Patrick Wang

08.07.2018   Lucrecia Martel – Geheimnisvolle Pracht 

28.04.2018 Filmförderung oder ihr Gegenteil? Mit Lars Henrik Gass, Martin Hagemann, Caroline Kirberg, Frédéric Jaeger 

12.01.2018 Jacques Nolot

06.05.2017 Matías Piñeiro – Spiele & Regeln

06.12.2016 Luc + Jean-Pierre Dardenne – Die Methode Dardenne

23.01.2016 Ursina Lardi, Devid Striesow, Angela Schanelec – Geben und Nehmen

13.12.2015 Axelle Ropert – Das Ideal klassischer Filmkunst

30.10.2015 Adam Curtis – On the Invisibility of Modern Power 

10.10.2015 Denis Lavant – Brute Force. Mit Sandra Hüller

28.06.2015 Miguel Gomes – Auf der Suche nach einem Film

02.05.2015 Marlen Chuzijew 

17.03.2015 Sergei  Loznitsa – Facing History 

06.03.2015 Serge Bozon – Deutsch-französischer Dialog

30.01.2015 Michael Baute – Filme über Filme 

02.11.2014 Ruben Östlund – Keine Helden nirgends 

24.10.2014 Was ist aktivistische Filmkritik? Mit Frédéric Jaeger, Dunja Bialas, Claus Löser

07.09.2014 Albert Serra – Die Grenzen der Sehnsucht

25.04.2014 Razvan Radulescu – Aus der Werkstatt des neuen rumänischen Kinos

17.04.2014 Arne Feldhusen – Akademisches / Nichtakademisches Filmemachen

14.03.2014 Ramon + Silvan Zürcher – Merkwürdiger Alltag

26.01.2014 Peter Liechti

02.12.2013 Günter Stahnke – Zwischen den Stühlen

01.10.2013 Ula Stöckl – Paargeschichten

18.10.2012 Nadav Lapid

15.09.2012 Close-Up „Arsenal” – Innenansichten einer modernen Kinemathek. Mit Birgit Kohler, Milena Gregor, Stefanie Schulte-Strathaus

07.05.2012 Angriff der Gegenwart. Mit Jessica Krummacher, Hannes Lang, Max Linz, Timo Müller 

27.01.2012 Andrew Bujalski – Unschärfe des Lebens

09.01.2012 Marie-Pierre Duhamel – Talking Pictures

05.12.2011 Marie Vermillard – Erleben und Erfinden

24.03.2011 Olivier Père – Cinema in Transition / The Festivals

02.10.2010 Mia Hansen-Løve – Gefühl und Verstand

18.11.2009 Jean-Pierre + Luc Dardenne – Physis, Drama, Märchen

29.10.2008 Lav Diaz – Vergehendes Leben

09.05.2008 Maren Ade – Kampf um Nähe

02.05.2008 Götz Spielmann – Stadt und Land

13.04.2008 Susanne Lothar + Ulrich Noethen – Gefühle spielen

13.11.2007 Hans Hillmann – Das Filmplakat

01.10.2007 Tankred Dorst + Ursula Ehler – Die Stimme des Erzählers

10.08.2007 Hou Hsiou-Hsien – Erfahrung vs. Erzählung

07.05.2007 Hans-Jürgen Syberberg – Höhle der Erinnerung

07.01.2007 Terry Gilliam – Visionär und Alchemist

07.10.2006 Valeska Griesebach – Helden des eigenen Lebens

31.09.2006 Ulrich Köhler – Der diskrete Charme (mit Patrick Orth)

15.06.2006 Dokumentarische Positionen. Mit Gerhard Friedl, Stefan Landorf, Volker Sattel 

29.10.2005 Berlin Sub: Filme ohne Auftrag. Hangover Ltd., b_books av, Tödliche Doris 

Mit Ute Schall, Stefan Geene, Wolfgang Müller

17.10.2005 Perspektive Filmkritik. Mit Diedrich Diederichsen, Manfred Hermes, Enno Patalas

12.08.2005 Thom Andersen – Story, History and Space

06.04.2005 Angela Schanelec – Raumsprache (mit Reinhold Vorschneider) 

17.10.2004 Romuald Karmakar – Filmarbeiter

28.01.2004 Persona-Abend. Mit Hinnerk Emmrich, Judith Engel, Bibiana Begelau

08.05.2004 Neue Realistische Schule? Mit Maren Ade, Sylke Enders, Henner Winckler, Sören Voigt

11.01.2004 Die Methode Ulrich Seidl – mit Maria Hofstätter, Georg Friedrich 

14.12.2003 Michael Haneke – Der unbestechliche Blick 

25.10.2003 Christian Petzold – Einführung in eine innere Filmgeschichte