In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Der portugiesische Regisseur Miguel Gomes (*1972) zu seinem 2000 entstandenem Kurzfilm INVENTÁRIO DE NATAL:
„Der 25. Dezember, in den 80ern. Die Familie kommt im Haus der Großeltern zusammen. Als ich zwölf war, habe ich davon geträumt, die statischen Bilder der Weihnachtskrippe in Bewegung zu setzen. Mit diesem Film habe ich etwas ähnliches versucht – mit den Erinnerungen an meine Cousins und Verwandten, mit dem Haus und seinen Ritualen als Spielmaterial. Es ist ein angetäuschter Dokumentarfilm, eine Pseudo-Animation, eine halb-erfundene Geschichte über Kinder, die in den Krieg ziehen, Musik machen und die Kontrolle übernehmen.”
In Revolver, Heft 23, beschreibt Miguel Gomes die überraschende Entstehungsgeschichte seines bislang letzten Spielfilms, UNSER GELIEBTER MONAT AUGUST, der dieses Moment „unzuverlässiger” Vermischung weiter ausbaut. Auf der Seite der Berliner Produktionsfirma KOMPLIZENFILM findet sich die folgende Inhaltsangabe seines neuesten Projektes, TABU, das ebenfalls in der Weihnachtszeit spielt:
„AURORA, eine temperamentvolle alte Frau, ihre Capverdische Hausbesorgerin SANTA und PILAR eine sozial engagierte Nachbarin leben im gleichen Wohnhaus in Lissabon. Mit ihnen verbringen wir die trostlosen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. Als das Neue Jahr beginnt, erlebt Aurora nur die ersten Stunden. Sie wird im Morgengrauen ins Krankenhaus gebracht und bevor sie stirbt hat sie nur noch Zeit den Namen eines Mannes zu sagen, den sie niemals erwähnt hat: GIANLUCA VENTURA. Pilar und Santa begeben sich auf die Suche nach diesem Mann und erfahren eine Geschichte aus ihrer Vergangenheit – die Geschichte einer Liebe und eines Mordes, geschehen in einem Afrika der Abenteuerfilme.”
Vor allem die Formulierung „Afrika der Abenteuerfilme” lässt auf eine Fortsetzung der Krippen-Action hoffen. Wir sind gespannt…
(Eingestellt von Christoph)