In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Hinweis auf Aktivitäten der Mitglieder:
Christoph Hochhäusler
Christoph Hochhäusler
Mubi Notebook, eine Online-Filmzeitschrift in der ich oft lese, hat Kritiker und Filmemacher eingeladen, über Tony Scott zu schreiben. Das Projekt ist einigermassen ungewöhnlich eingefädelt; jeder Teilnehmer sollte nämlich – ausgehend von einer frei wählbaren Szene – auf einen (anonymisierten) anderen Text reagieren, der wiederum eine andere Szene zum Ausgangspunkt macht. Ein bisschen wie im Spiel der Surrealisten exquisite corps hatte also niemand den ganzen Überblick. Wie viel Sinn oder (produktiver?) Unsinn aus dieser Anordnung resultiert, darüber bin ich mir selbst noch nicht im Klaren. Ich habe die Einladung zur Teilnahme jedenfalls genutzt, meine sehr vorläufigen Gedanken zu Scott in einer Art Adam Curtis-Parodie zu bündeln. Die Beispielszene stammt aus LAST BOY SCOUT, definitiv kein Lieblingsfilm.
Hier aber nun der ganze Zusammenhang: 1. Daniel Kasman (der das Projekt organisiert hat), 2. Ignatiy Vishnevetsky, 3. Adrian Martin (dem ich zu antworten hatte), 5. MEIN TEXT, 6. Christopher Small (der auf meinen Beitrag reagieren sollte), 7. Adam Cook, 8. Boris Nelepo, 9. C. Mason Wells, 10. Joe McCulloch und 11. Phil Coldiron.
In einer zweiten Runde (die inzwischen auch online ist) kommen ausserdem Ryland Walker Knight (dem ich die Einladung zur Teilnahme verdanke), Ben Simington, Robert Koehler, Steven Shaviro, Christoph Huber, Uncas Blythe, Kurt Walker, Otie Wheeler, David Phelps und Gina Telaroli (die die Idee zu dem Experiment hatte) zu Wort.
(Eingestellt von Christoph)