In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Ein anderer Baum: ein Bild aus Terrence Malicks erstem Film BADLANDS (USA, 1973), in dem ein im Fluss treibender Baum für die „Entwurzelung” der Figuren steht – THE TREE OF LIFE entwickelt diese Metapher gewissermassen weiter.
Eine andere Suche: ein Bild aus Nuri Bilge Ceylans CLOUDS OF MAY (Türkei, 1999), nicht nur stilistisch eine Wurzel von ONCE UPON A TIME IN ANATOLIA.
Ein anderer Junge : Jérémie Renier, damals 14, in LA PROMESSE (Belgien, 1996) der Brüder Dardenne. In ihrem neuesten Film LE GAMIN AU VÉLO spielt er den sich entziehenden Vater.
Ein anderer Fahrer: ein Bild aus DRIVER (USA, 1978) von Walter Hill, eines der Vorbilder für Nicolas Widing Refns Genre-Übung DRIVE.
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CANNES 2011
PREISE
Ehrenpalme:
Bernardo Bertolucci
WETTBEWERB:
Palme d’Or
THE TREE OF LIFE, Regie: Terrence MALICK
Grand Prix Ex-aequo
BIR ZAMANLAR ANADOLU’DA (ONCE UPON A TIME IN ANATOLIA), Regie: Nuri Bilge CEYLAN
LE GAMIN AU VÉLO (THE KID WITH A BIKE), Regie: Jean-Pierre et Luc DARDENNE
Beste Regie:
Nicolas WINDING REFN für DRIVE
Bestes Drehbuch:
Joseph CEDAR für HEARAT SHULAYIM (Footnote)
Beste Schauspielerin:
Kirsten DUNST in MELANCHOLIA, Regie: Lars VON TRIER
Bester Schauspieler:
Jean DUJARDIN in THE ARTIST, Regie: Michel HAZANAVICIUS
Preis der Jury
POLISSE (POLISS), Regie: MAÏWENN
KURZFILME:
Palme d’Or – Kurzfilm
CROSS (CROSS – COUNTRY), Regie: Maryna VRODA
Preis der Jury – Kurzfilm
BADPAKJE 46 (SWIMSUIT 46), Regie: Wannes DESTOOP
UN CERTAIN REGARD:
Preis Un Certain Regard Ex-aequo
ARIRANG, Regie: KIM Ki-Duk
HALT AUF FREIER STRECKE (STOPPED ON TRACK), Regie: Andreas DRESEN
Un Certain Regard Spezial Preis der Jury
ELENA, Regie: Andrey ZVYAGINTSEV
Beste Regie / Un Certain Regard
BÉ OMID É DIDAR, Regie: Mohammad RASOULOF
CINEFONDATION:
1. Preis Cinéfondation
DER BRIEF (THE LETTER), Regie: Doroteya DROUMEVA
2. Preis – Cinéfondation
DRARI, Regie: Kamal LAZRAQ
3. Preis Cinéfondation
YA-GAN-BI-HANG (FLY BY NIGHT), Regie: SON Tae-gyum
GOLDENE KAMERA (Bester Erstlingsfilm):
Caméra d’or LAS ACACIAS, Regie: Pablo GIORGELLI
(Eingestellt von Christoph)



