In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Als wir anfingen mit Revolver, 1998, war DV in aller Munde. Die Hoffnung war, dass neue Techniken das Filmemachen quasi von selbst revolutionieren. In einem Lied singt Björk von dem Berg, in dem die Dinge warten, bis sie von den Menschen „erfunden” werden. Daran mussten wir denken, als die Nachricht kam, dass die Produktion analoger Filmkameras eingestellt wird. Die Digitalisierung hat „gewonnen“, aber im Berg wartet schon die nächste Neuheit, die wirklich werden will. Was „weiß“ die Technik vom Kino? Sind unsere Werkzeuge wirklich neutral? Dieses Heft lädt dazu ein, den Geist in der Maschine zu suchen. Viel Vergnügen wünschen
Die Herausgeber
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(Eingestellt von Christoph)
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Hallo Florian, die „Apparatusdebatte”, Asche auf mein Haupt, ist mir neu (wir sind eben alles andere als theoriefest) – aber es ist tatsächlich mein Eindruck, dass die Propagandisten des Digitalen vergessen haben, dass sich jedes Werkzeug „einmischt”. Werde versuchen, die Bildungslücke zu schliessen — danke für den Hinweis. Christoph
Ich bin hier über einen Satz gestolpert: "Sind unsere Werkzeuge wirklich neutral?" Kann es sein, dass mit dem "Sieg" der Digitalisierung die in der analogen Arbeit gewonnenen Erkenntnisse schneller ad acta gelegt werden, als erwartet? Wann hat man denn noch angenommen, dass die Werkzeuge neutral gewesen seien? Wird eine Debatte, die zwar einen Gründungsmoment für die moderne Filmtheorie darstellt, die aber gleichzeitig ebenso einflussreich für die gegenwärtige Videokunst (über das Expanded Cinema) als auch für die zeitgenössischen Filmemacher (bspw. Godard) war, die Apparatusdebatte, über das Versprechen der Unmittelbarkeit des Digitalen vergessen, ignoriert oder übersprungen?