In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Ich kann mich nicht erinnen, wann in letzter Zeit ein Kinoerlebnis so nah an einen Cassavetes Film ran kam wie die ersten zwanzig Minuten von JOY, dem dritten Film von Russell, Lawrence, De Niro, Cooper & Co.
A woman under the influence of a family. Überforderung in jeder Beziehung. Keiner erzählt den Wahnsinn Familie zur Zeit besser als David O. Russell. Menschen, die man liebt und die einem gleichzeitig das Leben zur Hölle machen. Ja, so sieht’s aus. Und keiner verhält sich dabei pychologisch konsequent. Das ist die eigentliche Sensation der Menschen und speziell der Frauenfiguren in den Filmen des Kollektivs. Wäre toll, wenn sich die deutschen Filmgeldgeber auch endlich damit anfreunden würden, dass sich liebende Menschen jeden Tag aufs neue schlimme Dinge antun. Und zwar völlig unvorbereitet. Und dass die Überforderung wie die Hysterie ein Mittel ist, das glücklich macht.
Die filmische Erzählung: Keine Konsequenz. Weder in Handlung, noch in der Bildführung, noch psychologisch, noch in der Musik, noch in der Voice Over, noch in Rück- und Vorblenden, verrückterweise noch nicht mal eine Love Story, dafür Tränen vor Glück, weil es einer Frau gelingt, einen Wischmop auf QVC zu verkaufen. Einfach toll!
Uramerikanisches Kino. Auch das wie bei Cassavetes.
Franz
p.s.: Treibendes Moment in einem großartigen Soundtrack ist einer meiner Lieblingssongs des letzten Jahres: Alabama Shakes „Gimme All Your Love“. Wunderschöner Song.

