In ihren ersten beiden langen Filmen beschäftigt sich die Künstlerin und Filmemacherin Selma Doborac mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihrer filmischen Verhandelbarkeit. Während sie sich in THOSE SHOCKING SHAKING DAYS einer möglichen Dokumentation von Kriegsgeschehen und damit einhergehenden Gräueltaten ausschließlich über die essayistische Form und rhetorische Fragen nähert, findet Selma Doborac in DE FACTO filmische Antworten in der durchdachten Reduktion einer akribischen Recherche.
Man merkt diesem kristallklaren Film an, wie viel Fühl- und Denkarbeit er seiner Regisseurin, aber auch den Schauspielern abverlangt hat, um Unfassbares greifbar, für Momente sogar begreifbar zu machen, wie viel über die richtige Distanz, das richtige Maß von Abstraktion und Information, über Spiel und Nicht-Spiel nachgedacht und probiert wurde, um dem, was man eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit diesen leider eben nicht unmenschlichen, sondern allzu menschlichen Verbrechen nennen könnte, einen Schritt näher zu kommen.
Darüber, wie die konkrete Arbeit an diesem Film aussah, wie DE FACTO seine filmische Form gefunden hat, wollen wir im Anschluss an die Vorführung sprechen.
(Franz Müller)
Im fsk Kino am 30. November 2025 um 20.00 Uhr
Frage:
„Im Jahr 1962 forderten junge Filmschaffende im Rahmen der Westdeutschen Kurzfilmtage die Erneuerung des deutschen Films. Ist das Oberhausener Manifest noch so aktuell? Warum widmet Ihr ihm 50 Jahre später einen Kurzfilm*?”
Markus Mischkowski und Kai Maria Steinkühler („Kölner Gruppe”):
„Ja, natürlich ist das Oberhausener Manifest noch aktuell, denn das deutsche Kino muss dringend erneuert werden – wenn auch nicht als Oberhausener: Es muss weg von der eigenen Zensur im Kopf, von der Ticket- und Paketfilmdienstleistungsmentalität, von der Wir-müssen-einer-TV-Redaktion-und-zwei Fördergremien-und-einem-Verleih-und-einer-Zielgruppe-und-einem-Standort-gefallen-damit-wir-Markt-sind-Haltung. Denn es gibt keinen wirklichen Markt in Deutschland, es gibt an die 300 Millionen Euro deutsche Filmförderung und -subvention jährlich. Mut und Gelassenheit wären also kein Problem. Nur, dieses System wird nicht – wie damals – von „Papas“ hochgehalten, die mitunter noch Nazis waren und angreifbar und die es symbolisch zu töten galt. Heute sind alle Filmschaffenden aller Generationen in dem System gefangen und hängen am Tropf des Staates und der Sender und profitieren mehr oder weniger davon – oder leiden und schweigen. Wer soll da ein Manifest schreiben?”
(…)
Mehr dazu hier.
*)
„50 Jahre Oberhausener Missverständnis” von Markus Mischkowski und Kai Maria Steinkühler, Deutschland 2012, 2 min. Zu sehen in der „Eject XV – Lange Nacht des abwegigen Films” am 16.11.2012 um 23 h in der Volksbühne.
(Eingestellt von Christoph)
